Im Zug nach Chemnitz

Eine literarisch-ethnografische Erzählung nach einer wahren Begebenheit auf der Reise vom Soziologiekongress nach Chemnitz.IMG_20190409_074929973[1]

Es ist Nacht, als der Zug uns am Ende unserer Reise in die steinerne Wirklichkeit von Chemnitz entlässt. Tiefmüde machen wir uns auf den Weg; an einer kleinen Kneipe vorbei, unter stählernen Brücken hindurch, die gepflasterten Straßen kreuzend. Das Bett steht uns als Verheißung vor Augen. Der Rollkoffer klappert noch den Takt der Erinnerungen an Göttingen hinter uns her, doch die Magie des Kongresses ist verflogen. Diese Reise scheint nicht Transit, sie scheint Auftauchen gewesen zu sein, Auftauchen aus einer anderen Welt. Weiterlesen

Oh Motivation, du seltsames Huhn.

HuhnGibt es sie, die Motivationsbolzen, die immer gleichermaßen stramm vor der Arbeit stehen? Die unbeirrbar und ohne zu schwanken jeder Versuchung trotzen, etwas anderes zu machen? Jedenfalls gibt es zumindest Erzählungen über sie. Und Erzählungen über essentiell Dauermotivierte haben unangenehmerweise die bekannte Nebenwirkung, Demotivation zu erzeugen. Dabei habe ich den Verdacht, dass ich in manchen Erzählungen selbst als dauermotiviertes Leistungstier repräsentiert bin: “Wie macht sie das nur, mit den Kindern und der Wissenschaft und so?!” Wenn ich dann mal in ein Motivationstief rutsche,

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Dealing with Unzufriedenheit

Eine Kollegin hat mal gesagt (sinngemäß): “Ich weiß ja, es wird nicht passieren in der Wissenschaft. Aber ich würde mir wirklich wünschen, dass jemand nach 2017-01-18_Brichzineinem meiner Vorträge einfach mal sagt: ja, also, das war jetzt super.” Kann ich total gut verstehen, wünsch’ ich mir auch. Man hält ja auch immer wieder Vorträge, bei denen das durchaus passiert – halt nie von allen Rückmeldenden auf einmal, aber man muss seine Erwartungen ja auch nicht übertreiben. Mein Vortrag neulich beim Würzburger Institutskolloquium war aber auf jeden Fall keiner von denen. Und jetzt bin ich unzufrieden.

Es gibt zwei große “UNs”, die mir in meinem wissenschaftlichen Alltag (und nicht nur dort) immer wieder begegnen: die UNsicherheit und die UNzufriedenheit. Die Unsicherheit und ich, wir sind mittlerweile Freunde geworden – erst haben wir uns einschätzen, dann schätzen gelernt. Weiterlesen

Bamberger Soziologiekongress – auch Splitter, aber subjektiv-reflexiv

Für mich ist der Soziologiekongress spannend. Er ist anstrengend. Ich verbinde ihn mit Vorfreude. Er bedeutet Frustration. Und er bringt mich zum Nachdenken, weil ich dort Strukturen (vor allem Strukturen der Wissenschaft) begegne, auf die ich mit Emotionen reagiere. Eine kleine Selbstbeobachtung.

Bild3Splitter 1. Ja, ich freue mich auf den Kongress. Weil man viele Leute wiedersieht, bei denen es sonst an Gelegenheiten zum Wiedersehen fehlt, und weil man Leute treffen kann, die man schon lange mal in live sehen wollte. Das Ausmaß der damit verbundenen Anstrengung trifft mich dann doch immer wieder etwas unvorbereitet – klar, es gibt da meine allgemeine Disposition, zu viel ununterbrochene Sozialität nicht gut verkraften zu können. Aber anstrengend ist es wohl vor allem wegen der Tendenz meines Hirns, trotz wirklich massiver Geistesarbeit meine Gegenüber immer noch nicht hierarchiefrei denken zu können. Klingt idealistisch, wird aber von der wissenschaftlichen Professionellen erwartet. Mit anderen Worten: manchmal bin ich aufgeregt, manchmal weiß ich nicht, was ich sagen soll (würde aber sehr gerne etwas sehr Schlaues sagen), manchmal muss ich echt gegen den Impuls ankämpfen, mich vor irgendwem zu verstecken (manchmal verliere ich den Kampf, meist aber nur temporär :-) ). Mein Wissenschafts-Über-Ich (es hat auch ein Gesicht, aber ich verrate nicht, welches) flüstert mir dann zu, dass das aber gar nicht professorabel ist (muss ich das denn sein? jetzt schon und komplett? frage ich mich erschrocken… Üben, üben, üben, kommt es zurück, oder besser: “be it or leave it!”). Und der abgebrühte Soziologen-Realist blickt mich leicht überheblich von der Seite her an: Boah, Hierarchiefreiheit… wo lebst du denn?! Trotzig flackert es dann in meinem linken Hirnkammerl auf: Und es macht doch einen Unterschied, wie ich den Menschen begegne. Weiterlesen