Chemnitzer Facetten

Es hat ja wirklich nicht so wahnsinnig viel Gutes, dass der diesjährige Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie digital stattfinden musste. Aber hier und da gab es doch nette Momente, und außerdem waren Henning Laux, Ulf Bohmann und ich “gezwungen” (in dem Sinne, dass wir uns nicht den Unbilden der Technik ausliefern wollten), unseren dortigen Vortrag zu unserem Forschungsprojekt “Chemnitz – Manifestationen des Politischen” vorab als Video vorzubereiten. Jetzt könnte man ihn sich auch hier ansehen:

Demokratische Theorie und demokratische Praxis.

Eine Einladung zur Reflexion

Vortrag gehalten auf der Tagung “Die Fabrikation von Demokratie” am 6. Dezember 2019 in Duisburg.

Einleitung

Die gängigen Theorien der Demokratie befinden sich nicht auf der Höhe der Zeit. So lautete eine der Grundthesen im Aufruf zur Beteiligung an dieser Tagung. Zwar wird weltweit um neue Konzepte und Verfahren gerungen, um die Demokratieentwicklung praktisch voranzutreiben – bisher haben wir ja bereits einiges über entsprechende Versuche gehört: Beteiligungsverfahren, partizipative Ansätze, Mini Publics. Wer dabei aber noch nicht recht mitzuziehen scheint, das sind eben die Theorien. So kann man zumindest die Position der Organisator*innen im Call for Papers zur Tagung verstehen, ich zitiere: Mehr lesen

Die gesellschaftliche Konstruktion politischer Eliten – ein zweiter Analyseversuch

Schon seit einiger Zeit arbeite ich an der Vorbereitung eines Projekts zu der Frage, welche Vorstellungen sich die Gesellschaft von ihren politischen “Eliten” macht. Aktuell scheint mir dieses Forschungsinteresse dabei relevanter zu sein denn je: Populismen haben Aufwind und damit auch die scharfe Polarisierung “des Volkes” auf der einen, “der politischen Elite” auf der anderen Seite (Spier 2010, S. 21). Wie sieht es aber jenseits der TrägerInnen solcherart populistischer Einstellungen mit unserem Bild von politischen Führungsfiguren aus? Unterscheidet es sich tatsächlich so klar von der populistischen Haltung, dass es als zentrales Definitionsmerkmal des Populismus herhalten kann? Auf der Basis der Standardergebnisse entsprechender Umfrageforschung – in denen BürgerInnen ihren politischen VertreterInnen immer wieder attestieren, “abgehoben” zu sein (vgl. Reiser 2018) – dürfen zumindest Zweifel aufkommen. Um dies genauer zu ergründen, dafür ist das Projekt gedacht.

In Vorbereitung dieses Vorhabens habe ich zwei kleine qualitativ-empirische Vorstudien in Form von Lehrforschungsprojekten durchgeführt: Mehr lesen

Warum man gute Politik nicht an ihrem Wahrheitsgehalt erkennen kann

Hier geht es um ein Thema, das mich schon seit einiger Zeit umtreibt. Ein Thema, dem man derzeit überall dort begegnen kann, wo politisch diskutiert wird. Es geht, um damit rauszurücken: um den in der öffentlichen Debatte wie selbstverständlich hergestellten Zusammenhang zwischen Politik und Wahrheit. Ich möchte meinen Beitrag zu diesem Thema mit einer steilen These beginnen. Die gegenwärtige politische Kultur hat nämlich ein Problem (das ist noch nicht die steile These, die kommt jetzt erst). Jenes Problem politischer Kultur liegt jedoch nicht so sehr in unverbrüchlichem Blockdenken zwischen links und rechts begründet, nicht in der fehlenden Bereitschaft zur offenen politischen Debatte, ja, noch nicht einmal (hauptsächlich) in den unvermeidlichen Rufen nach allzu simplen Lösungen für komplexe gesellschaftliche Problemkonstellationen. Das schwerwiegendste Problem gegenwärtiger politischer Kultur  besteht vielmehr in der unhinterfragten Annahme, gute Politik zeichne sich dadurch aus, dass sie die Wahrheit auf ihrer Seite habe. Mehr lesen

Die soziale Konstruktion gesellschaftlicher Eliten – ein erster Analyseversuch

Derzeit arbeite ich gerade an der Vorbereitung eines Projekts zur Frage, welche Vorstellungen sich die Gesellschaft von ihren „Eliten“ macht (und was das möglicherweise über jene Gesellschaft aussagt). Diese Vorstellungen unter die Lupe zu nehmen scheint mir dabei momentan wichtiger zu sein denn je: unter Bedingungen komplexer europäischer (und weltweiter) Krisenerscheinungen steigert sich die schon seit geraumer Zeit erkennbare Tendenz zur diskursiven Devaluation gesellschaftlicher Leitfiguren ins Extreme. Wie geschieht dies und warum ist das so? Um einen ersten Zugang zu solchen Fragen zu finden, habe ich in diesem Semester Studierende in zwei Seminaren – eines aus der Perspektive der Wissenssoziologie, eines aus der Perspektive der Elitenforschung – dazu angeleitet, sich mit Kommentaren auf den Facebook-Seiten wichtiger deutscher PolitikerInnen auseinanderzusetzen. Welcher Blick auf politische Eliten manifestiert sich hier? Exemplarisch haben wir uns dazu punktuell vier Seiten angesehen: diejenigen von Bundeskanzlerin Angela Merkel, von Bundesjustizminister Heiko Maas, vom Fraktionschef der grünen Bundestagsfraktion Anton Hofreiter sowie von der nordrheinwestfälischen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Die folgenden Überlegungen sollen dazu dienen, Ordnung in meine ersten Eindrücke von den in 12 Gruppen-Präsentationen vorgestellten gemeinsamen Analysen zu bringen. (Eine kleine Anmerkung sei mir noch erlaubt, bevor es losgeht: Für Grammatik- und Rechtschreibanomalien in den Materialausschnitten wird keinerlei Verantwortung übernommen…) Mehr lesen

Im Druck: “Krise des politischen Alltags?”

Der Aufsatz für das Sonderheft der Österreichischen Zeitschrift für Soziologie zu “Handlungs- und Interaktionskrisen” geht in den Druck. Hier eine kleine Vor”schau”:

“Wie kommt es, dass sich Politik gemäß der öffentlichen Wahrnehmung in einem permanenten Krisenzustand zu befinden scheint? Auf der Basis einer ethnografischen Studie auf vier parlamentarischen Ebenen geht dieser Beitrag zwei Erklärungsansätzen nach: der These einer durch insuffizientes politisches Personal hervorgerufenen Krise auf der einen Seite, der These der kriseninduzierenden Überlastung des politischen Alltags in inhaltlicher, zeitlicher und normativer Hinsicht auf der anderen Seite. Anhand des empirischen Materials lässt sich zeigen, dass beide Thesen so nicht zutreffen. Stattdessen tritt das Verhältnis von Politik und Öffentlichkeit selbst als Krisenmoment in den Fokus: Erkennbar wird die Diskordanz der Strukturen alltäglicher gegenüber parlamentarischer Lebenswelt, die sich insbesondere in Bezug auf Zeit-, Relevanz- und Interaktionsordnung drastisch unterscheiden. Nicht zuletzt, weil von politischen RepräsentantInnen demokratienormativ genuin Gleichheit erwartet wird, führt diese Diskordanz zu Entfremdungserfahrungen auf Seiten der politisch nicht aktiven Öffentlichkeit, die das Potential für eine Krise der Demokratie besitzen.”

Die gesellschaftliche Konstruktion politischer Eliten

Lehrforschungsprojekt

2016-2018, Fortsetzung geplant

Welche Vorstellung macht sich die Gesellschaft von ihren PolitikerInnen? Diese Frage ist zwar prinzipiell für jedes politische System relevant. Gerade aber für Demokratien ist sie von besonderer Bedeutung. Denn diese sind unbedingt darauf angewiesen, dass auch aus Sicht der Bevölkerung ein vitales Verhältnis besteht zwischen ihr selbst und den (Berufs-)PolitikerInnen, die sie repräsentieren sollen. Ist dies nicht der Fall, so steht die Legitimität des gegebenen politischen Systems in Frage, die Demokratie droht in eine Krise zu geraten. Auf der Basis der bisherigen Forschung lässt sich dies allerdings bisher kaum aufklären. Das liegt daran, dass jene sich (wie im Falle der Soziologie) entweder viel mehr für gesellschaftliche Lagen der Benachteiligung statt für gesellschaftliche Führungspositionen interessiert. Oder aber, dass sie sich (wie im Falle der Politikwissenschaft) auf die PolitikerInnen selbst konzentriert, nicht aber auf das Bild, das sich die Gesellschaft von ihnen macht. Das Forschungsprojekt setzt an dieser Forschungslücke an. Auf der Basis einer qualitativen Textanalyse von Kommentaren in den Facebook-Profilen bekannter deutscher PolitikerInnen (Sommersemester 2016) sowie auf der Basis der dokumentarischen Analyse von Gruppendiskussionen (Wintersemester 2017/18) heißt das bisherige Ergebnis: Es besteht ein durchaus problematisches Verhältnis zwischen Menschen mit und ohne politische Ämter, die Sphäre des Politischen erscheint als überwiegend negativ besetzt, wird nicht als eigenständiges Berufsfeld anerkannt, PolitikerInnen erscheinen nicht nur als abgehobene, sondern auch als abstrakte, teilweise entmenschlichte Figuren, die sich grundsätzlich vom Rest der Bevölkerung unterscheiden.

Fertig, die Doktorarbeit, sie ist fertig!

Im Oktober ist es passiert: Mit zitternden Fingern habe ich die Doktorarbeit in ein pdf verwandelt und zum Druck gegeben. Ein sehr gutes Gefühl, über das man gar nicht mehr Worte verlieren muss (vor allem, weil das Loch danach nicht lange hat auf sich warten lassen (jetzt aber zum Glück wieder überschritten ist))… Außer: Wer etwas über die Praxis in Parlamenten wissen möchte, muss natürlich unbedingt diese Arbeit lesen. Bei beginnender Neugierde bezüglich des Inhalts bitte hier klicken.

Nachtrag: Es ist lustig im Juni zu lesen, dass man das Post-Dissertations-Loch bereits im Dezember überschritten hat – wo sich doch gerade erst das Gefühl einstellt, so schön langsam vielleicht wirklich wieder einigermaßen draußen zu sein…

Forschungskolloquium “Die Praxis der Politik” März 2015

Nachdem ich vier Jahre lang an meinem eigenen Zugang zum soziologischen Gegenstandsbereich Politik gearbeitet und bei der Suche nach Gleichgesinnten immer wieder (aber nicht nur – danke, Thomas und liebe Mitglieder im Frankfurter AK, vor allem Sebastian, Jan, Endre, Stefan!) frustriert ins Leere gegriffen habe, wollte ich die Sache doch nochmal etwa aktiver ausloten. Mit Unterstützung der Studienstiftung des deutschen Volkes (Veranstaltungslinie “Stipendiaten machen Programm”) und des Münchner Soziologielehrstuhls von Armin Nassehi habe ich eine kleine Nachwuchstagung organisiert, in der es ganz gezielt um die praxistheoretische Auseinandersetzung mit dem Politischen ging. Hier das Tagungsprogramm zum Ansehen:
PDF_LMU TAGUNGSFOLDER BRICHZIN_B_Seite_1Die Tagung hat zwar nicht mit einem Schlag alle Fragen geklärt, die man bezüglich eines praxistheoretischen Zugangs zur Politik haben kann (das wäre wohl auch etwas arg viel verlangt), war dafür aber Ausgangspunkt vieler spannender Diskussionen und einiger ganz toller neuer Bekanntschaften, die bis heute andauern. Juhu!
Wer Interesse hat, kann hier auch noch in den Abschlussbericht zur Tagung reinlesen:
PraxisDerPolitik_Abschlussbericht

Politische Arbeit in Parlamenten

Promotionsprojekt
2010-2015

Die Studie setzt bei der Diagnose eines Forschungsdefizits an der Schnittstelle zwischen Soziologie und Politikwissenschaft an – dort nämlich, wo es um die Untersuchung der politischen Praxis in den zentralen politischen Institutionen geht. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf eine dieser Institutionen: Welcher Logik folgt politische Praxis in Parlamenten? In Weiterentwicklung eines Politikverständnisses nach Pierre Bourdieu, der das politische Feld als Feld der kulturellen Produktion begreift, weicht die Untersuchung von den klassischen Pfaden politischer Praxisforschung ab: an Stelle von Entscheidungs- oder Machtpraxen gerät die Praxis der aktiven Hervorbringung wirkmächtiger, also mit Mobilisierungskraft aufgeladener Ideen, die Arbeit an „idées-forces“, ins Blickfeld – die produktive Dimension des politischen Geschehens wird sichtbar. In einer ethnografischen Studie auf vier parlamentarischen Ebenen, bei der mehrere Abgeordnete jeweils über eine Woche hinweg beim gesamten Spektrum ihrer Arbeitstätigkeit begleitet wurden, gelingt die Rekonstruktion des Hervorbringungsprozesses wirkmächtiger Ideen im parlamentarischen Alltag. Ergebnis ist ein Modell politischer Arbeit, wModell_fertig_zelches das Ineinandergreifen dreier verschiedener Modi der Arbeit an politischen Ideen – das „politische Spiel“, die „Themenabfertigung“, die „politische Gestaltung“ – aufzeigt. Bemerkenswert ist dabei nicht nur, dass es eben mehr als eine Form gibt, in der ParlamentarierInnen ihrer Aufgabe nachkommen, und dass mit diesen unterschiedlichen Formen zugleich drastisch divergierende Interaktionsstile – zwischen Kooperation und Konfrontation – einhergehen, die sich in ihrer Wechselhaftigkeit für politisch Außenstehende als kaum intelligibel erweisen. Bemerkenswert ist vor allem, dass die parlamentarischen Akteure unter den in Parlamenten herrschenden Bedingungen massiver inhaltlicher und zeitlicher Überfrachtung darauf angewiesen sind, sich derart unterschiedlicher Arbeitsmodi zu bedienen, um wenigstens bei den als relevant kategorisierten Ideen ihrem paradoxen Ziel nahezukommen: Evidenzen zu erzeugen, also ideelle Selbstverständlichkeiten dort herzustellen, wo seit Beginn der Moderne nichts mehr selbstverständlich ist.

Publikationen:

Brichzin, Jenni (2016): Politische Arbeit in Parlamenten. Eine ethnografische Studie zur kulturellen Produktion im politischen Feld. Reihe Politische Soziologie. Baden-Baden: Nomos.

Brichzin, Jenni (2016): Wie politische Arbeit Evidenz erzeugt. Eine ethnografische Studie zur kulturellen Produktion in Parlamenten, Zeitschrift für Soziologie 45 (6), S. 410-430.

Brichzin, Jenni (2016): Parlamentarische Praxis – Der Stand der Forschung zur zentralen Institution der Demokratie, Soziale Welt 67 (1), S. 91-112.

Brichzin, Jenni (2016): Krise des politischen Alltags? Eine ethnografische Parlamentsstudie zur gesellschaftlichen Entfremdung des Politischen In: Adloff, Frank; Antony, Alexander; Sebald, Gerd (Hrsg.): Handlungs- und Interaktionskrisen. Theoretische und empirische mikrosoziologische Perspektiven. Österreichische Zeitschrift für Soziologie 41(1), Sonderheft, S. 191-212.