Risikodemokratie!

Erschienen, erschienen, erschienen! (Zumindest schonmal digital…) Was für ein Gefühl: Dieses Ding, das uns irgendwie unter der Hand von einer kleinen, netten Idee zu einem ausgewachsenen ethnografischen Forschungsprojekt mutiert ist, ist endlich und wirklich fertig. Mit dem Text bin ich eigentlich wirklich mal zufrieden (ist selten genug), und dann ist es auch noch open access – was, oh wissenschaftliches Herz, willst du mehr!

Zum Inhalt: Die rechtsradikalen Ausschreitungen 2018 in Chemnitz werfen grundlegende demokratietheoretische Fragen auf: Welche Gefahren drohen von Rechts? Wie wird eine ganze Stadt zum politischen Risikogebiet? Und was bedeutet die Präsenz riskanter Politisierung und Entpolitisierung für unsere Demokratie? Die Autor*innen illustrieren entlang ethnografischer Streifzüge, wie eine apolitische Mitte der radikalen Rechten immer wieder den öffentlichen Raum überlässt. Die Rechtsextremen breiten sich in diesem Vakuum aus und reklamieren demokratische Grundrechte für sich, um sie gleichzeitig abzuschaffen. Als Kulturhauptstadt 2025 muss sich Chemnitz im Umgang mit diesem demokratischen Risiko bewähren.

“Und leider bin ich am Ende doch wieder beim Begriff des Rhizoms gelandet”

Theorieinnovation durch Ent-Essenzialisierung und ihre Grenzen

Beitrag bei der Tagung „Begriffe. Vernachlässigte Werkzeuge der Theoriebildung? Ein Aufruf zur Debatte“am 3./4. März in München (bzw. digital)

Problemaufriss
Im vergangenen Jahr hatten wir hier an der UniBw, in unserem soziologischen Kolloquium, Besuch von einer finnischen Kollegin. Salla Sariola heißt sie, und das ist sie. In ihrer Forschung interessiert sich Sariola insbesondere für Mikroben, genauer: für das Zusammenleben von Mikroben und Menschen unter Bedingungen des Anthropozän. Relevant wird ihre Forschung insbesondere vor dem Hintergrund einer drohenden existenziellen Krise: dem post-antibiotischen Zeitalter – einer Zukunft also, in der Krankheitserreger zunehmend resistent werden und Antibiotika ihre Wirksamkeit auch gegenüber jenen Krankheitserregern verlieren, die wir heute so selbstverständlich im Griff zu haben glauben. Um vor diesem Hintergrund zu begreifen, wie ein nachhaltigeres, produktiveres Zusammenleben von Mikroben und Menschen – jenseits des Kampfes um Vernichtung – möglich sein kann, geht Sariola ihrem Gegenstand an ganz verschiedenen Orten nach: bei finnischen Sauerteig-Workshops, im Rahmen einer klinischen Durchfall-Studie in West-Afrika, oder bei der Fermentation von Reis zu Reisbier in Indien. Von letzterem, also einer ethnografischen Studie zur Herstellung von Reisbier, berichtete Sariola uns im Kolloquium. Mehr lesen

Wie das Politische erkennen? (alias: Sozialtheorie vs. Verschwörungstheorie)

Ich bin sehr gespannt auf die Tagung der DGS-Sektion Politische Soziologie, bei der ich – gemeinsam mit dem lieben Kollegen Sebastian Schindler – am 26. April einen Vortrag halten darf! Vor allem, weil wir hier zum ersten Mal versuchen, unsere sehr ählichen Forschungserfahrungen theoretisch produktiv zu formulieren. Diskutiert haben wir unsere Ideen (jenseits unserer Dyade) bisher noch nicht, umso interessanter die Rückmeldungen darauf… Hier, wen’s interessiert, der Abstract zum Vortrag:

“Wir nehmen den Aufruf zur Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Stellung der Politischen Soziologie zum Anlass, um uns mit einem Problem zu beschäftigen, das uns in unserer eigenen Forschung zu Phänomenen des Politischen immer wieder begegnet. Aus unserer Sicht steht die Politische Soziologie derzeit insbesondere vor zwei Schwierigkeiten. Erstens wird ihr Gegenstand zu weit begriffen, als dass sie einen konzentrierten Beitrag zum Verständnis einer eminent politisch bestimmten Gegenwart leisten könnte – wo als politiksoziologisch relevanter Gegenstand jeglicher politisch relevante Gegenstand verstanden wird (allen voran vielleicht die im Call zu dieser Tagung angeführte soziale Ungleichheit) wird ihr Zugriff beliebig. In unserem Beitrag setzen wir jedoch an der zweiten für uns erkennbaren Schwierigkeit an: Mehr lesen

“Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft” – eine persönliche Rezension

antiWeil ich mich momentan für die Stellung des Menschen in der Sozialtheorie interessiere, interessiere ich mich auch für Bruno Latour. Weil Latour ein Buch geschrieben hat, in dem er den Versuch unternimmt, seine – sich gängigen Anthropozentrismen verwehrende – Sozialtheorie systematisch darzulegen, habe ich das also jetzt mal gelesen (zumindest in großen Teilen). Und weil ich es wirklich in vielerlei Hinsicht inspirierend bzw. interessant – wie wir gleich noch erfahren werden eines der wichtigsten Erkenntniskriterien bei Latour – fand, versuche ich hier, meine Gedanken dazu ein wenig zu ordnen. Also: los geht’s.

Sehr konsequent entfaltet Latour in “Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft” seinen – ist es Sozialtheorie? ist es Sozialontologie? ist es Sozialmethodologie? – Ansatz zur Beschäftigung damit, was er als “Soziales Nr. 2” bezeichnet.  Mehr lesen