Schwerpunktmäßig forsche ich in den beiden Bereichen Soziologische Theorie und Politische Soziologie. Politiksoziologisch untersuche ich vor allem Vorgänge der Instituierung und Ausdifferenzierung demokratischer Praxis (zum Beispiel in Parlamenten) sowie Phänomene der politischen Regression (etwa entlang der Frage nach der Stellung des Rechtsradikalismus in Chemnitz). Außerdem bin ich der gesellschaftlichen Imagination des Politischen auf der Spur: Wie stellt sich Gesellschaft demokratische Politik (und insbesondere Politiker*innen) vor, wie muss sich demokratische Praxis darstellen, um als legitim zu gelten? Im engen Zusammenhang mit diesen politiksoziologischen Forschungsinteressen steht der sozialtheoretische Fokus auf Fragilität, Widersprüchlichkeit und Dialektik sozialer Ordnung. Was bringt einen gesellschaftlichen Status quo, der lange als unumstößlich wahrgenommen wurde, ins Wanken? Bei der Beantwortung dieser Frage gerät nicht vor allem das Verhalten bestimmter Akteure mit ihren Intentionen in den Blick, sondern gerade nicht-intendierte Nebenfolgen und dialektische – aus logischer Perspektive zunächst widersprüchlich bzw. paradox scheinende – Prozesse. Eine besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang auch der Analyse gesellschaftlicher und sozialtheoretischer (zum Beispiel explizit anti-essenzialistischer) Erkenntnispraktiken zu: Wie wird Wahrheit gesellschaftlich gedacht?

Kritik anti-essenzialistischer Soziologie

DFG-Projekt (Projektnummer 443532822)

ab 2020

Das Forschungsprojekt geht von der These aus, dass Gesellschaft gegenwärtig in einer Geltungskrise steckt. Demnach ist unklar geworden: Welchen Aussagen von wem kann man wann und unter welchen Bedingungen folgen? Zwar ist das Ringen um gültige Aussagen gesellschaftlich natürlich nichts Neues, politische Auseinandersetzungen etwa drehen sich von jeher genau darum. Im Rahmen der Debatten rund um das „postfaktische Zeitalter“ scheint solchem Ringen jedoch eine neue Qualität zuzukommen: Nicht nur, dass es schwieriger geworden ist, eine Einigung zu erzielen – das Ziel der (beispielsweise argumentativen) Einigung selbst scheint an Relevanz verloren zu haben.

Vor diesem Hintergrund kommt der Auseinandersetzung mit anti-essenzialistischem Denken eine besondere Bedeutung zu, denn entsprechende Wissenschaftsdiskurse werden immer wieder mitverantwortlich gemacht für die Ausbreitung postfaktischer Tendenzen in der Gegenwart. Mit dem Begriff des Anti-Essenzialismus lässt sich dabei ein bestimmtes (man könnte auch sagen: ein paradigmatisches) Wissenschaftsverständnis bezeichnen, das in viele gegenwärtige sozialwissenschaftliche Theorierichtungen eingelassen ist. Bemerkenswert ist dieses Wissenschaftsverständnis, weil es die klassische Vorstellung davon, was wissenschaftliche Erkenntnis leisten soll, geradezu verkehrt: Anti-essenzialistisches Denken will eben nicht eindeutige Bestimmungen, absolute Wahrheiten über eine Welt hervorbringen, die es doch als prinzipiell unbestimmt (und nicht endgültig bestimmbar) begreift. Anstelle dessen geht es darum, der gesellschaftlichen Tendenz zur Vereindeutigung, zur Absolutsetzung einmal getroffener Bestimmungen – „die“ Männer bzw. Frauen, „die“ Fremden, „die“ Modernisierung, „der“ Fortschritt – entgegenzuwirken und aufzuzeigen, wie vorhandene Freiheitsgrade erst im gesellschaftlichen Prozess beschränkt oder beseitigt werden. Das Erkenntnisziel lautet damit nicht, herauszufinden, wie die Welt wirklich ist. Sondern: Erkenntnis liegt demnach in der (immer neu am Gegenstand zu aktualisierenden) Einsicht, dass die Welt so, wie sie gegenwärtig erscheint, nicht notwendig ist. Genau hierin, in der Verabschiedung vom Erkenntnisziel der eindeutigen Bestimmung, liegt – so meinen die Kritiker*innen anti-essenzialistischer Zugänge – der Samen für das „postfaktische Zeitalter“.

Auf der einen Seite findet sich anti-essenzialistisches Denken derart grundsätzlich infrage gestellt, während es auf der anderen Seite zugleich mit großen gesellschaftlichen Emanzipations- und Demokratisierungsschüben in Verbindung gebracht wird. Wie also weiter mit anti-essenzialistischem Denken? Das Projekt trägt zur Beantwortung dieser Frage bei, indem es die Konturen, Potentiale und Grenzen des anti-essenzialistischen Wissenschaftsverständnisses – innerhalb einer bestimmten Disziplin, der Soziologie – herausarbeitet. Im Sinne einer immanenten Grenzbestimmung unternimmt es also eine Kritik anti-essenzialistischer Soziologie. Drei Teilprojekte greifen ineinander, um dieses Ziel zu erreichen: erstens leistet eine historische Rekonstruktion, insbesondere entlang disziplinprägender wissenschaftstheoretischer Debatten, eine Genealogie anti-essenzialistischer Denkfiguren in der Soziologie; zweitens ermöglicht die theoretische Rekonstruktion entlang poststrukturalistischer, systemtheoretischer, neopragmatistischer und netzwerktheoretischer Theoriezugänge ein Ausloten der zentralen Dimensionen und Streitpunkte anti-essenzialistischer Soziologie; drittens schließlich lässt sich mithilfe der empirischen Rekonstruktion des politischen Diskurses rund um das „postfaktische Zeitalter“ (in der deutschen, britischen und US-amerikanischen Medienlandschaft zwischen 2015 und 2018) erkennen, welche Vorstellungen von Wissenschaft, Wahrheit und Erkenntnis derzeit gesellschaftlich kursieren – und wie diese wiederum auf die Soziologie zurück wirken.

Vorarbeiten:

Brichzin, Jenni (2019): Jede Theorieentscheidung hat ihren Preis. Überlegungen zu anti-essenzialistischen Tendenzen der Gegenwart und ihren Grenzen. Tagung “Jenseits des Menschen? Posthumane Perspektiven auf Natur/Kultur” in Mainz. Hier zum Manuskript.

Brichzin, Jenni (2019): Dialektik anti-essenzialistischen Denkens? Überlegungen zum Zustand der Vernunft im ‘postfaktischen Zeitalter’. Generationentagung der DGS Sektion Soziologische Theorie “Doing Theory” in Bremen. Hier zum Manuskript.

Brichzin, Jenni; Schindler, Sebastian (2018): Warum es ein Problem ist, immer ‚hinter‘ die Dinge blicken zu wollen. Wege politischer Erkenntnis jenseits des verschwörungstheoretischen Verdachts. Leviathan 46 (4), S. 575-602.

Brichzin, Jenni (2018): Netzwerkforschung. Rezension des Sammelbandes: Löwenstein, Heiko; Emirbayer, Mustafa (Hrsg): Netzwerke, Kultur, Agency. Problemlösungen in relationaler Methodologie und Sozialtheorie. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie.

Chemnitz – Manifestationen des Politischen

ab 2018

Chemnitz – seit den Ereignissen im August 2018 steht der Name einer Stadt für den Moment, in dem rechte Aggression sich in aller Öffentlichkeit weitgehend ungehindert Raum verschaffen konnte. Warum passiert das in Chemnitz? Das ist die Ausgangsfrage unseres qualitativ explorativen Forschungsprojekts. Bisher werden zur Beantwortung dieser Frage vor allem Statistiken konsultiert, Umfragedaten ausgewertet, Zahlen verglichen – wer wählt welche Partei, wie steht es um die Bilanz der Gewaltdelikte, welche rechten Vereinigungen gibt es in Chemnitz und wie viele Mitglieder haben sie, was sagt die Einkommensverteilung, und wie viele Menschen mit Migrationshintergrund leben hier überhaupt? Antworten auf diese Fragen sollen anstelle von Vermutungen echte Erklärungen für die Ereignisse in Chemnitz liefern, und tatsächlich leisten statistische Erkenntnisse genau dazu unabdingbare Beiträge. Zugleich können sie allerdings ebenso Relevantes gerade nicht beantworten – die Frage nämlich, inwiefern Chemnitz derzeit eine besondere Arena der Politisierung und Polarisierung jenseits klassischer institutioneller politischer Formen darstellt, mithin, wie tiefgreifend der öffentliche Alltag erfasst wurde. Ebenso wenig kommt in den Blick, unter welchen Umständen sich welche Kollektive im öffentlichen Raum bilden und wieder auflösen, und an welchen Orten der Stadt dies der Fall ist. Geht es um ein umfassendes Verständnis dessen, was in Chemnitz ‘vor sich geht’, scheinen das jedoch ganz zentrale Fragen zu sein. Unsere Forschungsfrage lautet also: Wann, wo und in welchen Formen manifestiert sich das Politische im öffentlichen Raum in Chemnitz? Die Methode der Wahl, um Alltagsprozesse in ihrer Vielfältigkeit erfassen zu können, ist die Ethnografie. Sie ist ein Zugang, der eine flexible und kontextbezogene Untersuchung auch desjenigen menschlichen Handelns ermöglicht, das gar nicht bewusst und reflektiert abläuft, sondern sich häufig in routinisierten Alltagspraktiken und entlang unterschiedlichster Ausdrucksformen – sprachlich, verhaltensbezogen, materiell – vollzieht. Wir planen mehrere kurze Ethnografien an unterschiedlich gearteten, neuralgischen Stellen der Stadt, die mit Blick auf die Frage nach Manifestationen des Politischen mal naheliegend, mal vermeintlich unspezifisch sind, an denen sich jedoch Politisierungen auf verschiedene Weisen zeigen könnten. So beispielsweise: an der Trauerstelle nahe des Karl-Marx-Monuments, im Einkaufszentrum, in den öffentlichen Verkehrsmitteln, in Behörden (beispielsweise der Agentur für Arbeit), auf dem Sonnenenberg, beim Weihnachtsmarkt, an zentralen Plätzen in Chemnitz, am Hauptbahnhof, in Diskotheken oder auch im Univiertel. Indem wir auf diese Weise ganz unterschiedliche und doch typische Orte der Stadt einer Untersuchung unterziehen, soll uns so etwas gelingen wie die Zusammenstellung eines ethnografischen Mosaiks von Chemnitz.

Die gesellschaftliche Konstruktion politischer Eliten

Lehrforschungsprojekt

2016-2018, Fortsetzung geplant

Welche Vorstellung macht sich die Gesellschaft von ihren PolitikerInnen? Diese Frage ist zwar prinzipiell für jedes politische System relevant. Gerade aber für Demokratien ist sie von besonderer Bedeutung. Denn diese sind unbedingt darauf angewiesen, dass auch aus Sicht der Bevölkerung ein vitales Verhältnis besteht zwischen ihr selbst und den (Berufs-)PolitikerInnen, die sie repräsentieren sollen. Ist dies nicht der Fall, so steht die Legitimität des gegebenen politischen Systems in Frage, die Demokratie droht in eine Krise zu geraten. Auf der Basis der bisherigen Forschung lässt sich dies allerdings bisher kaum aufklären. Das liegt daran, dass jene sich (wie im Falle der Soziologie) entweder viel mehr für gesellschaftliche Lagen der Benachteiligung statt für gesellschaftliche Führungspositionen interessiert. Oder aber, dass sie sich (wie im Falle der Politikwissenschaft) auf die PolitikerInnen selbst konzentriert, nicht aber auf das Bild, das sich die Gesellschaft von ihnen macht. Das Forschungsprojekt setzt an dieser Forschungslücke an. Auf der Basis einer qualitativen Textanalyse von Kommentaren in den Facebook-Profilen bekannter deutscher PolitikerInnen (Sommersemester 2016) sowie auf der Basis der dokumentarischen Analyse von Gruppendiskussionen (Wintersemester 2017/18) heißt das bisherige Ergebnis: Es besteht ein durchaus problematisches Verhältnis zwischen Menschen mit und ohne politische Ämter, die Sphäre des Politischen erscheint als überwiegend negativ besetzt, wird nicht als eigenständiges Berufsfeld anerkannt, PolitikerInnen erscheinen nicht nur als abgehobene, sondern auch als abstrakte, teilweise entmenschlichte Figuren, die sich grundsätzlich vom Rest der Bevölkerung unterscheiden.

Politische Arbeit in Parlamenten

Promotionsprojekt
2010-2015

Die Studie setzt bei der Diagnose eines Forschungsdefizits an der Schnittstelle zwischen Soziologie und Politikwissenschaft an – dort nämlich, wo es um die Untersuchung der politischen Praxis in den zentralen politischen Institutionen geht. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf eine dieser Institutionen: Welcher Logik folgt politische Praxis in Parlamenten? In Weiterentwicklung eines Politikverständnisses nach Pierre Bourdieu, der das politische Feld als Feld der kulturellen Produktion begreift, weicht die Untersuchung von den klassischen Pfaden politischer Praxisforschung ab: an Stelle von Entscheidungs- oder Machtpraxen gerät die Praxis der aktiven Hervorbringung wirkmächtiger, also mit Mobilisierungskraft aufgeladener Ideen, die Arbeit an „idées-forces“, ins Blickfeld – die produktive Dimension des politischen Geschehens wird sichtbar. In einer ethnografischen Studie auf vier parlamentarischen Ebenen, bei der mehrere Abgeordnete jeweils über eine Woche hinweg beim gesamten Spektrum ihrer Arbeitstätigkeit begleitet wurden, gelingt die Rekonstruktion des Hervorbringungsprozesses wirkmächtiger Ideen im parlamentarischen Alltag. Ergebnis ist ein Modell politischer Arbeit, wModell_fertig_zelches das Ineinandergreifen dreier verschiedener Modi der Arbeit an politischen Ideen – das „politische Spiel“, die „Themenabfertigung“, die „politische Gestaltung“ – aufzeigt. Bemerkenswert ist dabei nicht nur, dass es eben mehr als eine Form gibt, in der ParlamentarierInnen ihrer Aufgabe nachkommen, und dass mit diesen unterschiedlichen Formen zugleich drastisch divergierende Interaktionsstile – zwischen Kooperation und Konfrontation – einhergehen, die sich in ihrer Wechselhaftigkeit für politisch Außenstehende als kaum intelligibel erweisen. Bemerkenswert ist vor allem, dass die parlamentarischen Akteure unter den in Parlamenten herrschenden Bedingungen massiver inhaltlicher und zeitlicher Überfrachtung darauf angewiesen sind, sich derart unterschiedlicher Arbeitsmodi zu bedienen, um wenigstens bei den als relevant kategorisierten Ideen ihrem paradoxen Ziel nahezukommen: Evidenzen zu erzeugen, also ideelle Selbstverständlichkeiten dort herzustellen, wo seit Beginn der Moderne nichts mehr selbstverständlich ist.

Publikationen:

Brichzin, Jenni (2016): Politische Arbeit in Parlamenten. Eine ethnografische Studie zur kulturellen Produktion im politischen Feld. Reihe Politische Soziologie. Baden-Baden: Nomos.

Brichzin, Jenni (2016): Wie politische Arbeit Evidenz erzeugt. Eine ethnografische Studie zur kulturellen Produktion in Parlamenten, Zeitschrift für Soziologie 45 (6), S. 410-430.

Brichzin, Jenni (2016): Parlamentarische Praxis – Der Stand der Forschung zur zentralen Institution der Demokratie, Soziale Welt 67 (1), S. 91-112.

Brichzin, Jenni (2016): Krise des politischen Alltags? Eine ethnografische Parlamentsstudie zur gesellschaftlichen Entfremdung des Politischen In: Adloff, Frank; Antony, Alexander; Sebald, Gerd (Hrsg.): Handlungs- und Interaktionskrisen. Theoretische und empirische mikrosoziologische Perspektiven. Österreichische Zeitschrift für Soziologie 41(1), Sonderheft, S. 191-212.

Die Kunst, Wirklichkeit zu gestalten. Das Wirklichkeitsverhältnis von PolitikerInnen am Beispiel der BürgermeisterInnen

Lehrforschungsprojekt
2013-2016

Die Stellung politischer Akteure in der gegenwärtigen Gesellschaft ist ambivalent. Auf der einen Seite sind sie schon seit geraumer Zeit harscher Kritik ausgesetzt, die sich durch den derzeitigen Aufschwung des Populismus nochmals verschärft. Auf der anderen Seite sind sie die ersten AdressatInnen, wenn gesellschaftliche Veränderungen erwirkt werden sollen, und auch in der politischen Theorie gewinnen politische Akteure aktuell an Bedeutung: Neuere (performative) Demokratietheorien weisen politischen Akteuren eine weit gewichtigere Rolle zu als dies bisher häufig der Fall war. Denn der zentrale Bezugspunkt ist nun nicht mehr etwa ein bereits existierender Volkswille oder bestehende Interessen, sondern jene sind selbst erst Ergebnisse des politischen Prozesses, müssen also aktiv hervorgebracht werden – demokratische Repräsentation muss als performativer Prozess verstanden werden. Vor dem Hintergrund einer derart unklaren Stellung beschäftigt sich das Lehrforschungsprojekt mit der Sichtweise politischer Akteure selbst (hier: von BürgermeisterInnen, 11 AmtsträgerInnen interviewt zwischen 2014-2015) auf ihr eigenes Tun – und setzt sich damit zugleich methodisch dafür ein, auch die Perspektive gesellschaftlich privilegierter Positionen für soziologische Erkenntnis zu nutzen. Zu den Ergebnissen der Untersuchung gehört die Feststellung, dass die interviewten BürgermeisterInnen gerade nicht in der Repräsentation (die sie als Verkörperung des politischen Prozesses gegenüber den BürgerInnen verstehen) ihre Hauptaufgabe sehen. Sondern, dass sie die Gestaltung der gemeindlichen Realität als ihre eigentliche Aufgabe begreifen, die sie als schöpferisches Tun beschreiben, mit dem Selbstverwirklichungs- und Erfüllungserfahrungen einher gehen. Die bürgermeisterliche Tätigkeit erscheint an diesen Stellen als eine Kunstform.

Publikationen: In Vorbereitung.

Persönliche Beziehungen und moderne Gesellschaft

Diplomprojekt
2009-2010

Persönliche Beziehungen besitzen in der Moderne eine ambivalente Stellung. Auf der einen Seite konnte man mit Talcott Parsons noch davon ausgehen, dass sich moderne Gesellschaft gerade durch ein Zurückdrängen des affektiv-Partikularen auszeichnet. Auf der anderen Seite zeigt die stetig wachsende Bedeutung von Untersuchungen zu sozialen Netzwerken, dass diese Diagnose einiger Qualifizierung bedarf. In meiner Diplomarbeit bin ich dem Verhältnis persönlicher und sachlicher sozialer Bezüge nachgegangen, indem ich Switching-Prozesse zwischen diesen beiden Sinnebenen in einer Beobachtungsstudie in einer Hausarztpraxis analysiert habe. Im Ergebnis zeigt sich vor allem die besondere Bedeutung des starken Körperbezugs der Arztpraxis für die Induktion des Persönlichen, die Relevanz persönlicher Bezüge für die strukturelle Feinregulierung des Alltags vor dem Hintergrund der vorrangigen Legitimität der sachlich-medizinischen Rahmung, sowie der Mechanismus der Zurschaustellung aktiver Indifferenz zur Abwehr persönlicher Sinnofferten.

Publikationen: unveröffentlichte Diplomarbeit