Wollte ich versuchen, möglichst kurz zu benennen, was mich in meiner Forschung fasziniert, so wäre das wohl: die Dialektik von Fixierung und Freisetzung gesellschaftlicher Wirklichkeit. Wie also manchmal gerade aus sozialen Bindungen Freiheitsgrade erwachsen und wie umgekehrt manchmal gerade aus dem Kampf für bestimmte Freiheiten neue Zwänge hervorgehen. Das bleibt aber erstmal noch sehr abstrakt.

Konkreter wird es vielleicht mit einem Blick auf  bisherige und aktuelle Gegenstände meiner Forschung – weiter unten sind daher kurze Zusammenfassungen meiner Forschungsvorhaben zu finden.

Deutlich wird, wenn man einen Blick auf diese Vorhaben wirft, dass ich mich vor allem für die Beschäftigung mit Politik, mit sozialen Beziehungen und mit Theorie – wissenschaftliche ebenso wie Alltagstheorien (etwa zur Politik) – begeistern kann. Für Politik, weil sie selbst die Einflussnahme auf gesellschaftliche Wirklichkeit zum Gegenstand hat. Für Beziehungen, weil hier besonders deutlich wird, dass Bindung Befreiung ebenso wie Zwang mit sich bringen kann. Und für Theorie, weil sie unsere Sicht auf die Wirklichkeit und damit die Wirklichkeit selbst maßgeblich beeinflusst.

Ich selbst bin dabei in meiner Arbeit von ganz unterschiedlichen Theorien geprägt – so war zum Beispiel die Luhmann’sche Systemtheorie für mich früh eine unschätzbar wichtige Denkschule,  Pierre Bourdieu und Hannah Arendt haben mein politisches Denken sehr weitergebracht, Bruno Latour ist immer gut für eine spannende Irritation, und in letzter Zeit denke ich hat Theodor Adorno mir wichtige Impulse gegeben. Passt alles irgendwie nicht zusammen? Mir egal, alles spannend.

Kritik anti-essenzialistischer Soziologie

Habilitationsprojekt

ab 2019

Dieses Forschungsprojekt dreht sich um anti-essenzialistisches Denken, das sich als eines der Schlüsselmerkmale gegenwärtiger soziologischer Theoriebildung begreifen lässt. Seine Bedeutung ist erheblich – nicht, weil anti-essenzialistische Zugänge eine etwas andere Perspektive auf Gesellschaft vermitteln, sondern weil sie den klassischen Vorstellungen davon, wie wissenschaftliche Erkenntnis zu erreichen ist, ein grundsätzlich anderes Wissenschaftsverständnis entgegensetzen. Anstelle des Versuchs nämlich, Erkenntnis durch eindeutige Bestimmung des Forschungsgegenstands – durch das Aufdecken von Wesenheiten, Kausalitäten oder Gesetzmäßigkeiten etwa – zu erzielen, gehen sie umgekehrt gerade von dessen prinzipieller Unbestimmtheit aus. Die zentrale Erkenntnisleistung besteht dann darin, nicht die Festschreibung, sondern die Freiheitsgrade eines jeden Gegenstands aufzuzeigen – und damit, auf welche Weise erst der gesellschaftliche Prozess sie beschränkt oder beseitigt.

Ziel des Projekts ist es, zum ersten Mal die Konturen, Potentiale und Grenzen der anti-essenzialistischen Erkenntnisweise umfassend und theorieübergreifend herauszuarbeiten. Das ist aktuell gerade deshalb so wichtig, weil selbige vor dem Hintergrund gegenwärtiger gesellschaftlicher Verwerfungen, etwa der Ausrufung eines „postfaktischen Zeitalters“, teilweise stark infrage gestellt wird. Ist es nicht denkbar, so die entsprechende Kritik, dass die gegenwärtige Geltungskrise im Zusammenhang steht mit anti-essenzialistisch kultivierter Geltungsskepsis? Nicht zuletzt diese Frage gilt es auszuloten, um herauszufinden: wie es weitergehen kann mit anti-essenzialistischem Denken innerhalb der Soziologie.

Diesem Denken nähert sich das Projekt von drei Seiten. Zum ersten durch eine systematische Rekonstruktion der zugehörigen Erkenntnislogik entlang von Schlüsselwerken, die den vier für die soziologische Gegenwart zentralen anti-essenzialistischen Theorierichtungen Pragmatismus, Poststrukturalismus, Systemtheorie und Netzwerktheorie zuzurechnen sind. Jenseits teils drastischer Unterschiede auf sozial- und gesellschaftstheoretischer Ebene, werden dabei erhellende Gemeinsamkeiten in wissenschaftstheoretischer Hinsicht deutlich – insbesondere in der gemeinsamen Abkehr von ontologischen, epistemologischen und methodologischen Essenzialismen. Zum zweiten durch eine historische Rekonstruktion wichtiger anti-essenzialistischer Denkfiguren entlang von disziplinprägenden Debatten um den Wahrheitsstatus von Aussagen über die Gesellschaft, insbesondere des frühen Methoden- und des Positivismusstreits sowie der Essenzialismus-Konstruktivismus-Debatte. Zum dritten schließlich durch die empirische, von einer qualitativen Diskursanalyse angeleitete Rekonstruktion des praktischen Einflusses anti-essenzialistischen Theoretisierens auf den gegenwärtigen politischen Diskurs. Gemeinsam machen diese drei Untersuchungsschritte das anti-essenzialistische Erkenntnisprogramm und seine Entwicklungsmöglichkeiten transparent.

Vorarbeiten:

Brichzin, Jenni; Schindler, Sebastian (2018): Warum es ein Problem ist, immer ‚hinter‘ die Dinge blicken zu wollen. Wege politischer Erkenntnis jenseits des verschwörungstheoretischen Verdachts. Leviathan 46 (4), S. 575-602.

Brichzin, Jenni (2018): Netzwerkforschung. Rezension des Sammelbandes: Löwenstein, Heiko; Emirbayer, Mustafa (Hrsg): Netzwerke, Kultur, Agency. Problemlösungen in relationaler Methodologie und Sozialtheorie. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie.

Die gesellschaftliche Konstruktion politischer Eliten

Lehrforschungsprojekt

2016-2018, Fortsetzung geplant

Welche Vorstellung macht sich die Gesellschaft von ihren PolitikerInnen? Diese Frage ist zwar prinzipiell für jedes politische System relevant. Gerade aber für Demokratien ist sie von besonderer Bedeutung. Denn diese sind unbedingt darauf angewiesen, dass auch aus Sicht der Bevölkerung ein vitales Verhältnis besteht zwischen ihr selbst und den (Berufs-)PolitikerInnen, die sie repräsentieren sollen. Ist dies nicht der Fall, so steht die Legitimität des gegebenen politischen Systems in Frage, die Demokratie droht in eine Krise zu geraten. Auf der Basis der bisherigen Forschung lässt sich dies allerdings bisher kaum aufklären. Das liegt daran, dass jene sich (wie im Falle der Soziologie) entweder viel mehr für gesellschaftliche Lagen der Benachteiligung statt für gesellschaftliche Führungspositionen interessiert. Oder aber, dass sie sich (wie im Falle der Politikwissenschaft) auf die PolitikerInnen selbst konzentriert, nicht aber auf das Bild, das sich die Gesellschaft von ihnen macht. Das Forschungsprojekt setzt an dieser Forschungslücke an. Auf der Basis einer qualitativen Textanalyse von Kommentaren in den Facebook-Profilen bekannter deutscher PolitikerInnen (Sommersemester 2016) sowie auf der Basis der dokumentarischen Analyse von Gruppendiskussionen (Wintersemester 2017/18) heißt das bisherige Ergebnis: Es besteht ein durchaus problematisches Verhältnis zwischen Menschen mit und ohne politische Ämter, die Sphäre des Politischen erscheint als überwiegend negativ besetzt, wird nicht als eigenständiges Berufsfeld anerkannt, PolitikerInnen erscheinen nicht nur als abgehobene, sondern auch als abstrakte, teilweise entmenschlichte Figuren, die sich grundsätzlich vom Rest der Bevölkerung unterscheiden.

Politische Arbeit in Parlamenten

Promotionsprojekt
2010-2015

Die Studie setzt bei der Diagnose eines Forschungsdefizits an der Schnittstelle zwischen Soziologie und Politikwissenschaft an – dort nämlich, wo es um die Untersuchung der politischen Praxis in den zentralen politischen Institutionen geht. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf eine dieser Institutionen: Welcher Logik folgt politische Praxis in Parlamenten? In Weiterentwicklung eines Politikverständnisses nach Pierre Bourdieu, der das politische Feld als Feld der kulturellen Produktion begreift, weicht die Untersuchung von den klassischen Pfaden politischer Praxisforschung ab: an Stelle von Entscheidungs- oder Machtpraxen gerät die Praxis der aktiven Hervorbringung wirkmächtiger, also mit Mobilisierungskraft aufgeladener Ideen, die Arbeit an „idées-forces“, ins Blickfeld – die produktive Dimension des politischen Geschehens wird sichtbar. In einer ethnografischen Studie auf vier parlamentarischen Ebenen, bei der mehrere Abgeordnete jeweils über eine Woche hinweg beim gesamten Spektrum ihrer Arbeitstätigkeit begleitet wurden, gelingt die Rekonstruktion des Hervorbringungsprozesses wirkmächtiger Ideen im parlamentarischen Alltag. Ergebnis ist ein Modell politischer Arbeit, wModell_fertig_zelches das Ineinandergreifen dreier verschiedener Modi der Arbeit an politischen Ideen – das „politische Spiel“, die „Themenabfertigung“, die „politische Gestaltung“ – aufzeigt. Bemerkenswert ist dabei nicht nur, dass es eben mehr als eine Form gibt, in der ParlamentarierInnen ihrer Aufgabe nachkommen, und dass mit diesen unterschiedlichen Formen zugleich drastisch divergierende Interaktionsstile – zwischen Kooperation und Konfrontation – einhergehen, die sich in ihrer Wechselhaftigkeit für politisch Außenstehende als kaum intelligibel erweisen. Bemerkenswert ist vor allem, dass die parlamentarischen Akteure unter den in Parlamenten herrschenden Bedingungen massiver inhaltlicher und zeitlicher Überfrachtung darauf angewiesen sind, sich derart unterschiedlicher Arbeitsmodi zu bedienen, um wenigstens bei den als relevant kategorisierten Ideen ihrem paradoxen Ziel nahezukommen: Evidenzen zu erzeugen, also ideelle Selbstverständlichkeiten dort herzustellen, wo seit Beginn der Moderne nichts mehr selbstverständlich ist.

Publikationen:

Brichzin, Jenni (2016): Politische Arbeit in Parlamenten. Eine ethnografische Studie zur kulturellen Produktion im politischen Feld. Reihe Politische Soziologie. Baden-Baden: Nomos.

Brichzin, Jenni (2016): Wie politische Arbeit Evidenz erzeugt. Eine ethnografische Studie zur kulturellen Produktion in Parlamenten, Zeitschrift für Soziologie 45 (6), S. 410-430.

Brichzin, Jenni (2016): Parlamentarische Praxis – Der Stand der Forschung zur zentralen Institution der Demokratie, Soziale Welt 67 (1), S. 91-112.

Brichzin, Jenni (2016): Krise des politischen Alltags? Eine ethnografische Parlamentsstudie zur gesellschaftlichen Entfremdung des Politischen In: Adloff, Frank; Antony, Alexander; Sebald, Gerd (Hrsg.): Handlungs- und Interaktionskrisen. Theoretische und empirische mikrosoziologische Perspektiven. Österreichische Zeitschrift für Soziologie 41(1), Sonderheft, S. 191-212.

Die Kunst, Wirklichkeit zu gestalten. Das Wirklichkeitsverhältnis von PolitikerInnen am Beispiel der BürgermeisterInnen

Lehrforschungsprojekt
2013-2016

Die Stellung politischer Akteure in der gegenwärtigen Gesellschaft ist ambivalent. Auf der einen Seite sind sie schon seit geraumer Zeit harscher Kritik ausgesetzt, die sich durch den derzeitigen Aufschwung des Populismus nochmals verschärft. Auf der anderen Seite sind sie die ersten AdressatInnen, wenn gesellschaftliche Veränderungen erwirkt werden sollen, und auch in der politischen Theorie gewinnen politische Akteure aktuell an Bedeutung: Neuere (performative) Demokratietheorien weisen politischen Akteuren eine weit gewichtigere Rolle zu als dies bisher häufig der Fall war. Denn der zentrale Bezugspunkt ist nun nicht mehr etwa ein bereits existierender Volkswille oder bestehende Interessen, sondern jene sind selbst erst Ergebnisse des politischen Prozesses, müssen also aktiv hervorgebracht werden – demokratische Repräsentation muss als performativer Prozess verstanden werden. Vor dem Hintergrund einer derart unklaren Stellung beschäftigt sich das Lehrforschungsprojekt mit der Sichtweise politischer Akteure selbst (hier: von BürgermeisterInnen, 11 AmtsträgerInnen interviewt zwischen 2014-2015) auf ihr eigenes Tun – und setzt sich damit zugleich methodisch dafür ein, auch die Perspektive gesellschaftlich privilegierter Positionen für soziologische Erkenntnis zu nutzen. Zu den Ergebnissen der Untersuchung gehört die Feststellung, dass die interviewten BürgermeisterInnen gerade nicht in der Repräsentation (die sie als Verkörperung des politischen Prozesses gegenüber den BürgerInnen verstehen) ihre Hauptaufgabe sehen. Sondern, dass sie die Gestaltung der gemeindlichen Realität als ihre eigentliche Aufgabe begreifen, die sie als schöpferisches Tun beschreiben, mit dem Selbstverwirklichungs- und Erfüllungserfahrungen einher gehen. Die bürgermeisterliche Tätigkeit erscheint an diesen Stellen als eine Kunstform.

Publikationen: In Vorbereitung.

Persönliche Beziehungen und moderne Gesellschaft

Diplomprojekt
2009-2010

Persönliche Beziehungen besitzen in der Moderne eine ambivalente Stellung. Auf der einen Seite konnte man mit Talcott Parsons noch davon ausgehen, dass sich moderne Gesellschaft gerade durch ein Zurückdrängen des affektiv-Partikularen auszeichnet. Auf der anderen Seite zeigt die stetig wachsende Bedeutung von Untersuchungen zu sozialen Netzwerken, dass diese Diagnose einiger Qualifizierung bedarf. In meiner Diplomarbeit bin ich dem Verhältnis persönlicher und sachlicher sozialer Bezüge nachgegangen, indem ich Switching-Prozesse zwischen diesen beiden Sinnebenen in einer Beobachtungsstudie in einer Hausarztpraxis analysiert habe. Im Ergebnis zeigt sich vor allem die besondere Bedeutung des starken Körperbezugs der Arztpraxis für die Induktion des Persönlichen, die Relevanz persönlicher Bezüge für die strukturelle Feinregulierung des Alltags vor dem Hintergrund der vorrangigen Legitimität der sachlich-medizinischen Rahmung, sowie der Mechanismus der Zurschaustellung aktiver Indifferenz zur Abwehr persönlicher Sinnofferten.

Publikationen: unveröffentlichte Diplomarbeit