Chemnitz – Manifestationen des Politischen

ab 2018

Chemnitz – seit den Ereignissen im August 2018 steht der Name einer Stadt für den Moment, in dem rechte Aggression sich in aller Öffentlichkeit weitgehend ungehindert Raum verschaffen konnte. Warum passiert das in Chemnitz? Das ist die Ausgangsfrage unseres qualitativ explorativen Forschungsprojekts. Bisher werden zur Beantwortung dieser Frage vor allem Statistiken konsultiert, Umfragedaten ausgewertet, Zahlen verglichen – wer wählt welche Partei, wie steht es um die Bilanz der Gewaltdelikte, welche rechten Vereinigungen gibt es in Chemnitz und wie viele Mitglieder haben sie, was sagt die Einkommensverteilung, und wie viele Menschen mit Migrationshintergrund leben hier überhaupt? Antworten auf diese Fragen sollen anstelle von Vermutungen echte Erklärungen für die Ereignisse in Chemnitz liefern, und tatsächlich leisten statistische Erkenntnisse genau dazu unabdingbare Beiträge. Zugleich können sie allerdings ebenso Relevantes gerade nicht beantworten – die Frage nämlich, inwiefern Chemnitz derzeit eine besondere Arena der Politisierung und Polarisierung jenseits klassischer institutioneller politischer Formen darstellt, mithin, wie tiefgreifend der öffentliche Alltag erfasst wurde. Ebenso wenig kommt in den Blick, unter welchen Umständen sich welche Kollektive im öffentlichen Raum bilden und wieder auflösen, und an welchen Orten der Stadt dies der Fall ist. Geht es um ein umfassendes Verständnis dessen, was in Chemnitz ‘vor sich geht’, scheinen das jedoch ganz zentrale Fragen zu sein. Unsere Forschungsfrage lautet also: Wann, wo und in welchen Formen manifestiert sich das Politische im öffentlichen Raum in Chemnitz? Die Methode der Wahl, um Alltagsprozesse in ihrer Vielfältigkeit erfassen zu können, ist die Ethnografie. Sie ist ein Zugang, der eine flexible und kontextbezogene Untersuchung auch desjenigen menschlichen Handelns ermöglicht, das gar nicht bewusst und reflektiert abläuft, sondern sich häufig in routinisierten Alltagspraktiken und entlang unterschiedlichster Ausdrucksformen – sprachlich, verhaltensbezogen, materiell – vollzieht. Wir planen mehrere kurze Ethnografien an unterschiedlich gearteten, neuralgischen Stellen der Stadt, die mit Blick auf die Frage nach Manifestationen des Politischen mal naheliegend, mal vermeintlich unspezifisch sind, an denen sich jedoch Politisierungen auf verschiedene Weisen zeigen könnten. So beispielsweise: an der Trauerstelle nahe des Karl-Marx-Monuments, im Einkaufszentrum, in den öffentlichen Verkehrsmitteln, in Behörden (beispielsweise der Agentur für Arbeit), auf dem Sonnenenberg, beim Weihnachtsmarkt, an zentralen Plätzen in Chemnitz, am Hauptbahnhof, in Diskotheken oder auch im Univiertel. Indem wir auf diese Weise ganz unterschiedliche und doch typische Orte der Stadt einer Untersuchung unterziehen, soll uns so etwas gelingen wie die Zusammenstellung eines ethnografischen Mosaiks von Chemnitz.

Ein Gedanke zu „Chemnitz – Manifestationen des Politischen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.