Denken in schmalen Graten

Wie sieht eigentlich Theoriebildung unter ‘postfaktischen’ Bedingungen aus? Oder genauer noch, wie sollte sie unter diesen Bedingungen aussehen, wie muss unsere Art und Weise, Theorie zu betreiben, auf gesellschaftliche Geltungskrisen reagieren? Mit dieser Frage habe ich mich in einem Vortrag bei der Tagung der DGS-Sektion Soziologische Theorie im November auseinandergesetzt. Und weil das mal wieder eine Digitaltagung war, habe ich den Vortrag halt einfach gleich mal wieder aufgenommen. Wen’s interessiert, hier entlang (mit Bitte um Verzeihung fĂŒr die Werbung mit “Trump-Content” 🙂 ):

Projekthomepage – up and running!

Ein bisschen hat’s gedauert, aber jetzt gibt es sie endlich, die Homepage zum DFG Projekt Kritik anti-essenzialistischer Soziologie. Da werden wir in nĂ€chster Zeit immer noch ein bisschen weiter dran feilen – und natĂŒrlich Veranstaltungen und Publikationen ergĂ€nzen! Da steht nĂ€mlich schon einiges an. Was uns aber nach wie vor umtreibt: Wie zum Teufel illustriert man ein Theorieprojekt zum Thema Anti-Essenzialismus?! Naja, wir werden’s schon noch rausfinden. Jetzt geht’s erst mal hier lang:

 

How not to criticize postmodern theories.

A personal review of the book “Cynical Theories” by Helen Pluckrose & James Lindsay

Currently, social theories are under attack, both from within the academy as well as in broader public debates. At least, some strands of social theory are: theories that do not aim to discover ‘universal truths,’ but rather trace the social mechanisms and structures that guide the search for and claims to said truths. We could label those theoretical positions constructivist, poststructuralist, anti-essentialist, or, as in the book “Cynical Theories” by Helen Pluckrose and James Lindsay, postmodern. What different kinds of academic and broader intellectual critiques have in common is that they see a causal link between these kinds of social theories and the arrival of the post-truth era which we supposedly live in (e.g. McIntyre 2018; Fuller 2018; Koschorke 2018). Debates revolve around what is frequently – and often pejoratively – referred to as ‘political correctness,’ ‘alternative truths,’ ‘identity politics,’ and ‘social justice.’ To fix what is wrong with society today, these critics often suggest, we need to reject anti-essentialist thinking. Mehr lesen

Parlamentarisch denken, parlamentarisch sprechen

Zum zweiten Mal war ich jetzt zu einem sehr netten GesprĂ€ch mit Jan und Leo vom Wissenschaftspodcast “Das Neue Berlin” eingeladen. DafĂŒr musste ich ein bisschen in meinen Erinnerungen an meine Parlamentsstudie kramen, hat aber viel Spaß gemacht – und ist auch nicht ganz unaktuell, denke ich. Wer reinhören möchte, gerne:

Chemnitzer Facetten

Es hat ja wirklich nicht so wahnsinnig viel Gutes, dass der diesjĂ€hrige Kongress der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Soziologie digital stattfinden musste. Aber hier und da gab es doch nette Momente, und außerdem waren Henning Laux, Ulf Bohmann und ich “gezwungen” (in dem Sinne, dass wir uns nicht den Unbilden der Technik ausliefern wollten), unseren dortigen Vortrag zu unserem Forschungsprojekt “Chemnitz – Manifestationen des Politischen” vorab als Video vorzubereiten. Jetzt könnte man ihn sich auch hier ansehen:

Gestatten, DFG-Projekt

Seit 2016 liegt mir dieses Projekt auf am Herzen, endlich ist es so weit: Mein DFG-Projekt “Kritik anti-essenzialistischer Soziologie” ist bewilligt, es kann tatsĂ€chlich losgehen!! So einen Antrag zu schreiben (ganz zu schweigen vom Überarbeiten, Kritik einstecken, wieder ĂŒberarbeiten) kann ja echt ziemlich aufreibend sein. Aber wenn es dann klappt, was fĂŒr ein GefĂŒhl! An meiner neuen WirkungsstĂ€tte hatte ich jetzt vor kurzem die Gelegenheit, mal die Grundidee und den Projektrahmen in einem Vortrag vorzustellen. Weil das aus bekannten GrĂŒnden ĂŒber Zoom sein musste, und weil ich sowieso mal das mit der Videoaufnahme ausprobieren wollte, habe ich den Probedurchlauf aufgenommen. Wer Lust hat, kann hier gerne mal reinschauen! Ab Ende des Jahres widme ich meine Forschung damit voll der Frage: Welche sozialwissenschaftliche und gesellschaftliche Rolle Anti-Essenzialismus im sogenannten “postfaktischen Zeitalter” spielt – eine Form des Denkens also, die Erkenntnis gerade im Absehen von eindeutiger (bzw. absoluter, bzw. eben essenzialistischer) Bestimmung sucht. Allerdings zeigt der Vortrag natĂŒrlich auch, dass die Sache – dieses “very German project”, wie mein lieber Kollege Endre es genannt hat – noch ganz am Anfang steht. “Very German” sind meine Projekte am Anfang meistens; am Ende dafĂŒr hoffentlich einfach nur noch spannend! Ach ja: hier geht es ĂŒbrigens zur Stellenausschreibung…

Demokratische Theorie und demokratische Praxis.

Eine Einladung zur Reflexion

Vortrag gehalten auf der Tagung “Die Fabrikation von Demokratie” am 6. Dezember 2019 in Duisburg.

Einleitung

Die gĂ€ngigen Theorien der Demokratie befinden sich nicht auf der Höhe der Zeit. So lautete eine der Grundthesen im Aufruf zur Beteiligung an dieser Tagung. Zwar wird weltweit um neue Konzepte und Verfahren gerungen, um die Demokratieentwicklung praktisch voranzutreiben – bisher haben wir ja bereits einiges ĂŒber entsprechende Versuche gehört: Beteiligungsverfahren, partizipative AnsĂ€tze, Mini Publics. Wer dabei aber noch nicht recht mitzuziehen scheint, das sind eben die Theorien. So kann man zumindest die Position der Organisator*innen im Call for Papers zur Tagung verstehen, ich zitiere: Mehr lesen

Jede Theorieentscheidung hat ihren Preis

Überlegungen zu anti-essenzialistischen Tendenzen und ihren Grenzen

Vortrag gehalten auf dem 4. Mainzer Symposium der Sozial- und Kulturwissenschaften am 19. September 2019 – Jenseits des Menschen?

1) Die Genese des anti-essenzialistischen Paradigmas aus der Kritik an der Vorstellung unpolitischer Theorie
Theorie ist politisch. So lautet eine der konstituierenden Einsichten anti-essenzialistischen Denkens. Jede wissenschaftliche Theorie besitzt also immer zugleich ein politisches Moment: Sie ist nie unabhĂ€ngig zu denken von den gesellschaftlichen VerhĂ€ltnissen, denen sie ihre Formulierung verdankt, und sie wirkt umgekehrt selbst auf jene VerhĂ€ltnisse zurĂŒck. Der Einsicht in diese grundlegende Dialektik wissenschaftlicher Theoriebildung ist, unter anderem, die Etablierung anti-essenzialistischen Denkens geschuldet. Um jene Dialektik dreht sich mein Vortrag. Mehr lesen

Dialektik anti-essenzialistischen Denkens?

Wissenschaftstheoretische Überlegungen zum ‚postfaktischen Zeitalter‘

Vortrag gehalten bei der “Generationentagung” der DGS-Sektion Soziologische Theorie von 13. bis 14. Juni 2019 in Bremen (in einem Tagungshaus wunderschön direkt an der Weser – siehe Foto 🙂 ).

Ich gebe zu: Ein Zeitungsartikel hat mich dazu gebracht, die beiden Forschungsgebiete stĂ€rker zusammenzudenken, die mich nun schon seit Zeit umtreiben. Diese Forschungsgebiete liegen dabei im Bereich soziologischer Theorie auf der einen, im Bereich der Politikforschung auf der anderen Seite. Um es noch etwBremenas genauer zu sagen: An soziologischer Theorie fasziniert mich zur Zeit vor allem: wie viele gegenwĂ€rtige Theorierichtungen in ihrem BemĂŒhen zu konvergieren scheinen, soziologische Kategorien und Herangehensweisen einer immer noch weitergehenden „Ent-Essenzialisierung“ zu unterziehen. Neben Wissen, Normen und Ideen wird nun auch der Mensch selbst, wird der Körper, wird das Materielle nicht mehr unproblematisch als So-Seiendes hingenommen. Alles wird im sozialen Prozess auflösbar, neu figurierbar, transformierbar. Eine anti-essenzialistische Konvergenz ist zu erkennen – aber darauf komme ich gleich nochmal zurĂŒck. In Bezug auf Politik hingegen treibt mich – wie viele andere – derzeit insbesondere die Frage um, wie es zu der, ich sage jetzt mal: Tendenz zur politischen Regression kommen konnte, die sich nun schon seit einiger Zeit in verschiedenen Gegenden der Welt beobachten lĂ€sst. In Chemnitz untersuchen wir vor diesem Hintergrund zum Beispiel gerade, wie rechtsextreme  Bewegungen sich in einer kleinen Großstadt in Sachsen Raum zu verschaffen suchen. Aber auch darauf werde ich, ganz am Ende, wieder zurĂŒckkommen. Mehr lesen

Studien zu anti-essenzialistischem Denken

Fast, fast, fast ist es so weit, mein Projektantrag zu einer “Kritik anti-essenzialistischer Soziologie” ist beinahe abgeschickt. Zur Feier des Tages stelle ich jetzt hier mal einen kleinen Versuch hin, den ich im Rahmen von VorĂŒberlegungen zu besagtem Antrag geschrieben habe – sicher keine fertige Argumentation, aber der ein oder andere interessante Gedanke ist vielleicht drin. Also:

Die Dialektik des Anti-Essenzialismus

Ein Essay zum Zustand der Vernunft im „postfaktischen Zeitalter“.

In einem Artikel in der Neuen ZĂŒrcher Zeitung hat Albrecht Koschorke neulich beschrieben, wie die Welt derzeit aus den Fugen gerĂ€t.1 Doch es war keine der ĂŒblichen Einlassungen zum bedenklichen Zustand des globalen Politischen, wie man sie derzeit (völlig zu Recht, wĂŒrde ich meinen) allenthalben liest. Nein, Koschorkes Aufmerksamkeit richtet sich auf die akademische Welt, genauer gesagt: Er fragt sich, wie der geisteswissenschaftliche Diskurs mit den politischen Verwerfungen zusammenhĂ€ngt, die zur Ausrufung eines „postfaktischen Zeitalters“ gefĂŒhrt haben. Er schreibt: Mehr lesen