Risikodemokratie!

Erschienen, erschienen, erschienen! (Zumindest schonmal digital…) Was für ein Gefühl: Dieses Ding, das uns irgendwie unter der Hand von einer kleinen, netten Idee zu einem ausgewachsenen ethnografischen Forschungsprojekt mutiert ist, ist endlich und wirklich fertig. Mit dem Text bin ich eigentlich wirklich mal zufrieden (ist selten genug), und dann ist es auch noch open access – was, oh wissenschaftliches Herz, willst du mehr!

Hier noch kurz ein paar Worte zum Inhalt des Buchs: Den Ausgangspunkt bildet Ulrich Becks populäre Diagnose der “Risikogesellschaft” aus den 1980er Jahren. Entlang des Falls Chemnitz arbeiten wir heraus, dass sich gegenwärtig politisch wiederholt, was Beck damals vor allem für die ökonomische Entwicklung festgestellt hatte: Die Probleme, mit denen die Gegenwart zu kämpfen hat – bei Beck war das insbesondere die Umweltzerstörung, bei uns sind es vor allem anti-demokratische Bewegungen -, erklären sich nicht vor allem aus Scheitern, Gegnerschaft und Angriffen von außen, sondern gerade aus dem enormen Erfolg fortschrittlicher Tendenzen. Unsere These lautet entsprechend: Demokratie ist gegenwärtig mit den Nebenfolgen ihres eigenen Erfolgs, des Erfolgs der demokratischen Idee, konfrontiert. Damit stellen wir uns einerseits gegen modische Zeitdiagnosen, die schlichten demokratischen Verfall feststellen. Andererseits wenden wir uns gegen Sichtweisen, die Chemnitz zu einfach als eindeutig “rechte” Stadt identifizieren wollen. Unsere These zeichnen wir entlang von zahlreichen ethnografischen Beobachtungen in Chemnitz – vom Stadtrat bis zum Fußballstadion, von der politischen Demonstration bis zum Besuch im Supermarkt – nach. Dabei zeigen wir, dass die größte Bedrohung der Demokratie nicht so sehr von ganz offen rechtsradikaler Seite kommt. Sondern von einer Sichtweise auf Politik, die demokratische Bedrohungen immer für eindeutig benennbar und offensichtlich hält und entsprechend unterschwellige Risiken nicht erkennen, schmale Grate nicht abschreiten (wann ist etwa der Bezug auf “das Volk” demokratisch, wann kippt er in ein Problem um?) und problematische Nebenfolgen nicht denken kann. 

“Und leider bin ich am Ende doch wieder beim Begriff des Rhizoms gelandet”

Theorieinnovation durch Ent-Essenzialisierung und ihre Grenzen

Beitrag bei der Tagung „Begriffe. Vernachlässigte Werkzeuge der Theoriebildung? Ein Aufruf zur Debatte“am 3./4. März in München (bzw. digital)

Problemaufriss
Im vergangenen Jahr hatten wir hier an der UniBw, in unserem soziologischen Kolloquium, Besuch von einer finnischen Kollegin. Salla Sariola heißt sie, und das ist sie. In ihrer Forschung interessiert sich Sariola insbesondere für Mikroben, genauer: für das Zusammenleben von Mikroben und Menschen unter Bedingungen des Anthropozän. Relevant wird ihre Forschung insbesondere vor dem Hintergrund einer drohenden existenziellen Krise: dem post-antibiotischen Zeitalter – einer Zukunft also, in der Krankheitserreger zunehmend resistent werden und Antibiotika ihre Wirksamkeit auch gegenüber jenen Krankheitserregern verlieren, die wir heute so selbstverständlich im Griff zu haben glauben. Um vor diesem Hintergrund zu begreifen, wie ein nachhaltigeres, produktiveres Zusammenleben von Mikroben und Menschen – jenseits des Kampfes um Vernichtung – möglich sein kann, geht Sariola ihrem Gegenstand an ganz verschiedenen Orten nach: bei finnischen Sauerteig-Workshops, im Rahmen einer klinischen Durchfall-Studie in West-Afrika, oder bei der Fermentation von Reis zu Reisbier in Indien. Von letzterem, also einer ethnografischen Studie zur Herstellung von Reisbier, berichtete Sariola uns im Kolloquium. Mehr lesen

Denken in schmalen Graten

Wie sieht eigentlich Theoriebildung unter ‘postfaktischen’ Bedingungen aus? Oder genauer noch, wie sollte sie unter diesen Bedingungen aussehen, wie muss unsere Art und Weise, Theorie zu betreiben, auf gesellschaftliche Geltungskrisen reagieren? Mit dieser Frage habe ich mich in einem Vortrag bei der Tagung der DGS-Sektion Soziologische Theorie im November auseinandergesetzt. Und weil das mal wieder eine Digitaltagung war, habe ich den Vortrag halt einfach gleich mal wieder aufgenommen. Wen’s interessiert, hier entlang (mit Bitte um Verzeihung für die Werbung mit “Trump-Content” 🙂 ):

Projekthomepage – up and running!

Ein bisschen hat’s gedauert, aber jetzt gibt es sie endlich, die Homepage zum DFG Projekt Kritik anti-essenzialistischer Soziologie. Da werden wir in nächster Zeit immer noch ein bisschen weiter dran feilen – und natürlich Veranstaltungen und Publikationen ergänzen! Da steht nämlich schon einiges an. Was uns aber nach wie vor umtreibt: Wie zum Teufel illustriert man ein Theorieprojekt zum Thema Anti-Essenzialismus?! Naja, wir werden’s schon noch rausfinden. Jetzt geht’s erst mal hier lang:

 

How not to criticize postmodern theories.

A personal review of the book “Cynical Theories” by Helen Pluckrose & James Lindsay

Currently, social theories are under attack, both from within the academy as well as in broader public debates. At least, some strands of social theory are: theories that do not aim to discover ‘universal truths,’ but rather trace the social mechanisms and structures that guide the search for and claims to said truths. We could label those theoretical positions constructivist, poststructuralist, anti-essentialist, or, as in the book “Cynical Theories” by Helen Pluckrose and James Lindsay, postmodern. What different kinds of academic and broader intellectual critiques have in common is that they see a causal link between these kinds of social theories and the arrival of the post-truth era which we supposedly live in (e.g. McIntyre 2018; Fuller 2018; Koschorke 2018). Debates revolve around what is frequently – and often pejoratively – referred to as ‘political correctness,’ ‘alternative truths,’ ‘identity politics,’ and ‘social justice.’ To fix what is wrong with society today, these critics often suggest, we need to reject anti-essentialist thinking. Mehr lesen

Parlamentarisch denken, parlamentarisch sprechen

Zum zweiten Mal war ich jetzt zu einem sehr netten Gespräch mit Jan und Leo vom Wissenschaftspodcast “Das Neue Berlin” eingeladen. Dafür musste ich ein bisschen in meinen Erinnerungen an meine Parlamentsstudie kramen, hat aber viel Spaß gemacht – und ist auch nicht ganz unaktuell, denke ich. Wer reinhören möchte, gerne:

Chemnitzer Facetten

Es hat ja wirklich nicht so wahnsinnig viel Gutes, dass der diesjährige Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie digital stattfinden musste. Aber hier und da gab es doch nette Momente, und außerdem waren Henning Laux, Ulf Bohmann und ich “gezwungen” (in dem Sinne, dass wir uns nicht den Unbilden der Technik ausliefern wollten), unseren dortigen Vortrag zu unserem Forschungsprojekt “Chemnitz – Manifestationen des Politischen” vorab als Video vorzubereiten. Jetzt könnte man ihn sich auch hier ansehen:

Gestatten, DFG-Projekt

Seit 2016 liegt mir dieses Projekt auf am Herzen, endlich ist es so weit: Mein DFG-Projekt “Kritik anti-essenzialistischer Soziologie” ist bewilligt, es kann tatsächlich losgehen!! So einen Antrag zu schreiben (ganz zu schweigen vom Überarbeiten, Kritik einstecken, wieder überarbeiten) kann ja echt ziemlich aufreibend sein. Aber wenn es dann klappt, was für ein Gefühl! An meiner neuen Wirkungsstätte hatte ich jetzt vor kurzem die Gelegenheit, mal die Grundidee und den Projektrahmen in einem Vortrag vorzustellen. Weil das aus bekannten Gründen über Zoom sein musste, und weil ich sowieso mal das mit der Videoaufnahme ausprobieren wollte, habe ich den Probedurchlauf aufgenommen. Wer Lust hat, kann hier gerne mal reinschauen! Ab Ende des Jahres widme ich meine Forschung damit voll der Frage: Welche sozialwissenschaftliche und gesellschaftliche Rolle Anti-Essenzialismus im sogenannten “postfaktischen Zeitalter” spielt – eine Form des Denkens also, die Erkenntnis gerade im Absehen von eindeutiger (bzw. absoluter, bzw. eben essenzialistischer) Bestimmung sucht. Allerdings zeigt der Vortrag natürlich auch, dass die Sache – dieses “very German project”, wie mein lieber Kollege Endre es genannt hat – noch ganz am Anfang steht. “Very German” sind meine Projekte am Anfang meistens; am Ende dafür hoffentlich einfach nur noch spannend! Ach ja: hier geht es übrigens zur Stellenausschreibung…

Demokratische Theorie und demokratische Praxis.

Eine Einladung zur Reflexion

Vortrag gehalten auf der Tagung “Die Fabrikation von Demokratie” am 6. Dezember 2019 in Duisburg.

Einleitung

Die gängigen Theorien der Demokratie befinden sich nicht auf der Höhe der Zeit. So lautete eine der Grundthesen im Aufruf zur Beteiligung an dieser Tagung. Zwar wird weltweit um neue Konzepte und Verfahren gerungen, um die Demokratieentwicklung praktisch voranzutreiben – bisher haben wir ja bereits einiges über entsprechende Versuche gehört: Beteiligungsverfahren, partizipative Ansätze, Mini Publics. Wer dabei aber noch nicht recht mitzuziehen scheint, das sind eben die Theorien. So kann man zumindest die Position der Organisator*innen im Call for Papers zur Tagung verstehen, ich zitiere: Mehr lesen

Jede Theorieentscheidung hat ihren Preis

Überlegungen zu anti-essenzialistischen Tendenzen und ihren Grenzen

Vortrag gehalten auf dem 4. Mainzer Symposium der Sozial- und Kulturwissenschaften am 19. September 2019 – Jenseits des Menschen?

1) Die Genese des anti-essenzialistischen Paradigmas aus der Kritik an der Vorstellung unpolitischer Theorie
Theorie ist politisch. So lautet eine der konstituierenden Einsichten anti-essenzialistischen Denkens. Jede wissenschaftliche Theorie besitzt also immer zugleich ein politisches Moment: Sie ist nie unabhängig zu denken von den gesellschaftlichen Verhältnissen, denen sie ihre Formulierung verdankt, und sie wirkt umgekehrt selbst auf jene Verhältnisse zurück. Der Einsicht in diese grundlegende Dialektik wissenschaftlicher Theoriebildung ist, unter anderem, die Etablierung anti-essenzialistischen Denkens geschuldet. Um jene Dialektik dreht sich mein Vortrag. Mehr lesen