Jede Theorieentscheidung hat ihren Preis

Überlegungen zu anti-essenzialistischen Tendenzen und ihren Grenzen

Vortrag gehalten auf dem 4. Mainzer Symposium der Sozial- und Kulturwissenschaften am 19. September 2019 – Jenseits des Menschen?

1) Die Genese des anti-essenzialistischen Paradigmas aus der Kritik an der Vorstellung unpolitischer Theorie
Theorie ist politisch. So lautet eine der konstituierenden Einsichten anti-essenzialistischen Denkens. Jede wissenschaftliche Theorie besitzt also immer zugleich ein politisches Moment: Sie ist nie unabhängig zu denken von den gesellschaftlichen Verhältnissen, denen sie ihre Formulierung verdankt, und sie wirkt umgekehrt selbst auf jene Verhältnisse zurück. Der Einsicht in diese grundlegende Dialektik wissenschaftlicher Theoriebildung ist, unter anderem, die Etablierung anti-essenzialistischen Denkens geschuldet. Um jene Dialektik dreht sich mein Vortrag. Mehr lesen

Dialektik anti-essenzialistischen Denkens?

Wissenschaftstheoretische Überlegungen zum ‚postfaktischen Zeitalter‘

Vortrag gehalten bei der “Generationentagung” der DGS-Sektion Soziologische Theorie von 13. bis 14. Juni 2019 in Bremen (in einem Tagungshaus wunderschön direkt an der Weser – siehe Foto 🙂 ).

Ich gebe zu: Ein Zeitungsartikel hat mich dazu gebracht, die beiden Forschungsgebiete stärker zusammenzudenken, die mich nun schon seit Zeit umtreiben. Diese Forschungsgebiete liegen dabei im Bereich soziologischer Theorie auf der einen, im Bereich der Politikforschung auf der anderen Seite. Um es noch etwBremenas genauer zu sagen: An soziologischer Theorie fasziniert mich zur Zeit vor allem: wie viele gegenwärtige Theorierichtungen in ihrem Bemühen zu konvergieren scheinen, soziologische Kategorien und Herangehensweisen einer immer noch weitergehenden „Ent-Essenzialisierung“ zu unterziehen. Neben Wissen, Normen und Ideen wird nun auch der Mensch selbst, wird der Körper, wird das Materielle nicht mehr unproblematisch als So-Seiendes hingenommen. Alles wird im sozialen Prozess auflösbar, neu figurierbar, transformierbar. Eine anti-essenzialistische Konvergenz ist zu erkennen – aber darauf komme ich gleich nochmal zurück. In Bezug auf Politik hingegen treibt mich – wie viele andere – derzeit insbesondere die Frage um, wie es zu der, ich sage jetzt mal: Tendenz zur politischen Regression kommen konnte, die sich nun schon seit einiger Zeit in verschiedenen Gegenden der Welt beobachten lässt. In Chemnitz untersuchen wir vor diesem Hintergrund zum Beispiel gerade, wie rechtsextreme  Bewegungen sich in einer kleinen Großstadt in Sachsen Raum zu verschaffen suchen. Aber auch darauf werde ich, ganz am Ende, wieder zurückkommen. Mehr lesen

Studien zu anti-essenzialistischem Denken

Fast, fast, fast ist es so weit, mein Projektantrag zu einer “Kritik anti-essenzialistischer Soziologie” ist beinahe abgeschickt. Zur Feier des Tages stelle ich jetzt hier mal einen kleinen Versuch hin, den ich im Rahmen von Vorüberlegungen zu besagtem Antrag geschrieben habe – sicher keine fertige Argumentation, aber der ein oder andere interessante Gedanke ist vielleicht drin. Also:

Die Dialektik des Anti-Essenzialismus

Ein Essay zum Zustand der Vernunft im „postfaktischen Zeitalter“.

In einem Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung hat Albrecht Koschorke neulich beschrieben, wie die Welt derzeit aus den Fugen gerät.1 Doch es war keine der üblichen Einlassungen zum bedenklichen Zustand des globalen Politischen, wie man sie derzeit (völlig zu Recht, würde ich meinen) allenthalben liest. Nein, Koschorkes Aufmerksamkeit richtet sich auf die akademische Welt, genauer gesagt: Er fragt sich, wie der geisteswissenschaftliche Diskurs mit den politischen Verwerfungen zusammenhängt, die zur Ausrufung eines „postfaktischen Zeitalters“ geführt haben. Er schreibt: Mehr lesen

Die gesellschaftliche Konstruktion politischer Eliten – ein zweiter Analyseversuch

Schon seit einiger Zeit arbeite ich an der Vorbereitung eines Projekts zu der Frage, welche Vorstellungen sich die Gesellschaft von ihren politischen “Eliten” macht. Aktuell scheint mir dieses Forschungsinteresse dabei relevanter zu sein denn je: Populismen haben Aufwind und damit auch die scharfe Polarisierung “des Volkes” auf der einen, “der politischen Elite” auf der anderen Seite (Spier 2010, S. 21). Wie sieht es aber jenseits der TrägerInnen solcherart populistischer Einstellungen mit unserem Bild von politischen Führungsfiguren aus? Unterscheidet es sich tatsächlich so klar von der populistischen Haltung, dass es als zentrales Definitionsmerkmal des Populismus herhalten kann? Auf der Basis der Standardergebnisse entsprechender Umfrageforschung – in denen BürgerInnen ihren politischen VertreterInnen immer wieder attestieren, “abgehoben” zu sein (vgl. Reiser 2018) – dürfen zumindest Zweifel aufkommen. Um dies genauer zu ergründen, dafür ist das Projekt gedacht.

In Vorbereitung dieses Vorhabens habe ich zwei kleine qualitativ-empirische Vorstudien in Form von Lehrforschungsprojekten durchgeführt: Mehr lesen

Wie das Politische erkennen? (alias: Sozialtheorie vs. Verschwörungstheorie)

Ich bin sehr gespannt auf die Tagung der DGS-Sektion Politische Soziologie, bei der ich – gemeinsam mit dem lieben Kollegen Sebastian Schindler – am 26. April einen Vortrag halten darf! Vor allem, weil wir hier zum ersten Mal versuchen, unsere sehr ählichen Forschungserfahrungen theoretisch produktiv zu formulieren. Diskutiert haben wir unsere Ideen (jenseits unserer Dyade) bisher noch nicht, umso interessanter die Rückmeldungen darauf… Hier, wen’s interessiert, der Abstract zum Vortrag:

“Wir nehmen den Aufruf zur Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Stellung der Politischen Soziologie zum Anlass, um uns mit einem Problem zu beschäftigen, das uns in unserer eigenen Forschung zu Phänomenen des Politischen immer wieder begegnet. Aus unserer Sicht steht die Politische Soziologie derzeit insbesondere vor zwei Schwierigkeiten. Erstens wird ihr Gegenstand zu weit begriffen, als dass sie einen konzentrierten Beitrag zum Verständnis einer eminent politisch bestimmten Gegenwart leisten könnte – wo als politiksoziologisch relevanter Gegenstand jeglicher politisch relevante Gegenstand verstanden wird (allen voran vielleicht die im Call zu dieser Tagung angeführte soziale Ungleichheit) wird ihr Zugriff beliebig. In unserem Beitrag setzen wir jedoch an der zweiten für uns erkennbaren Schwierigkeit an: Mehr lesen

Ein Hoch auf die soziologische Netzwerkforschung? Ein Kommentar aus gegebenem Anlass

Das ist ein Kommentar, den ich im Nachgang einer Netzwerktagung im Dezember 2016 geschrieben habe. Es hatte damals so ausgesehen, als ließe sich daraus etwas mehr machen, eine Diskussion über den gegenwärtigen Status der Netzwerkforschung in Deutschland vielleicht? Hat nicht geklappt, klappen halt immer mal Sachen nicht. Vielleicht war der Text auch zu allgemein angelegt, aber mir hat das Schreiben jedenfalls geholfen. Deshalb jetzt also hier, sozusagen zum Jahrestag jener Tagung, ein weiterer Eintrag in meinem digitalen “Denktagebuch” 🙂

  1. Warum sich mit der Netzwerkforschung auseinandersetzen?

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Mein Seminar in Kritischer Theorie, Teil 2: zur Stellung der Macht

Im vergangenen Semester habe ich in meinem Kurs zur Kritischen Theorie gemeinsam mit den Studierenden die „Dialektik der Aufklärung“ (DdA) von Max Horkheimer und Theodor Adorno gelesen (hierDdA eine kurze Zusammenfassung zentraler Grundgedanken des ersten Teils, die sich aus dem Seminar heraus ergeben hat). Das war durchaus als Experiment gedacht – nicht nur für die Studierenden, sondern auch für mich: wie viel und wie weit kann ich etwas mit diesem Text anfangen? Viel, hat sich herausgestellt, sehr viel. Es gibt ja solche Texte, bei denen man beim Lesen aus dem Denken nicht mehr rauskommt. Das dauert dann zwar, weil Denken halt immer dauert. Dafür ist es wahnsinnig befriedigend. Aber intellektuelle Befriedigung ist eitel und flüchtig, weshalb ich mich jetzt an meine eigene Hausaufgabe für das Seminar setze und Gedanken (wenn auch kurz, so doch schriftlich), der mir als zentral erscheint, reflektiere: die Stellung der Macht in der “Dialektik der Aufklärung”.
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“Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft” – eine persönliche Rezension

antiWeil ich mich momentan für die Stellung des Menschen in der Sozialtheorie interessiere, interessiere ich mich auch für Bruno Latour. Weil Latour ein Buch geschrieben hat, in dem er den Versuch unternimmt, seine – sich gängigen Anthropozentrismen verwehrende – Sozialtheorie systematisch darzulegen, habe ich das also jetzt mal gelesen (zumindest in großen Teilen). Und weil ich es wirklich in vielerlei Hinsicht inspirierend bzw. interessant – wie wir gleich noch erfahren werden eines der wichtigsten Erkenntniskriterien bei Latour – fand, versuche ich hier, meine Gedanken dazu ein wenig zu ordnen. Also: los geht’s.

Sehr konsequent entfaltet Latour in “Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft” seinen – ist es Sozialtheorie? ist es Sozialontologie? ist es Sozialmethodologie? – Ansatz zur Beschäftigung damit, was er als “Soziales Nr. 2” bezeichnet.  Mehr lesen

Die soziale Konstruktion gesellschaftlicher Eliten – ein erster Analyseversuch

Derzeit arbeite ich gerade an der Vorbereitung eines Projekts zur Frage, welche Vorstellungen sich die Gesellschaft von ihren „Eliten“ macht (und was das möglicherweise über jene Gesellschaft aussagt). Diese Vorstellungen unter die Lupe zu nehmen scheint mir dabei momentan wichtiger zu sein denn je: unter Bedingungen komplexer europäischer (und weltweiter) Krisenerscheinungen steigert sich die schon seit geraumer Zeit erkennbare Tendenz zur diskursiven Devaluation gesellschaftlicher Leitfiguren ins Extreme. Wie geschieht dies und warum ist das so? Um einen ersten Zugang zu solchen Fragen zu finden, habe ich in diesem Semester Studierende in zwei Seminaren – eines aus der Perspektive der Wissenssoziologie, eines aus der Perspektive der Elitenforschung – dazu angeleitet, sich mit Kommentaren auf den Facebook-Seiten wichtiger deutscher PolitikerInnen auseinanderzusetzen. Welcher Blick auf politische Eliten manifestiert sich hier? Exemplarisch haben wir uns dazu punktuell vier Seiten angesehen: diejenigen von Bundeskanzlerin Angela Merkel, von Bundesjustizminister Heiko Maas, vom Fraktionschef der grünen Bundestagsfraktion Anton Hofreiter sowie von der nordrheinwestfälischen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Die folgenden Überlegungen sollen dazu dienen, Ordnung in meine ersten Eindrücke von den in 12 Gruppen-Präsentationen vorgestellten gemeinsamen Analysen zu bringen. (Eine kleine Anmerkung sei mir noch erlaubt, bevor es losgeht: Für Grammatik- und Rechtschreibanomalien in den Materialausschnitten wird keinerlei Verantwortung übernommen…) Mehr lesen

Beziehungen, Relationen und Konsorten – wie weit reicht Netzwerktheorie?

Decke

Neulich, bei einer Tagung zu Netzwerken – “Netzwerke in gesellschaftlichen Feldern” in Berlin, organisiert von Karoline Krenn und Jan Fuhse (ich habe dort einen Vortrag gehalten (Politik und Beziehungen passt halt doch zam)) – war ich hinterher wieder etwas ratlos.  Leider war ich nicht lang genug da, um noch an der Abschlussdiskussion teilzunehmen, sonst hätte ich mir vielleicht etwas mehr Klarheit einholen können. Es gab einige interessante Vorträge und alles, dennoch aber diese Ratlosigkeit (zumindest bei mir), hauptsächlich theoretischer Art. Die resultiert vor allem aus den engagierten Versuchen theoretischer Integration, in diesem Fall der Integration von Netzwerktheorie und Gesellschaftstheorie, etwa in Form von Feld- oder Systemansätzen. Viel von dem, was da vorgestellt wurde, war plausibel – klar, kann man alles machen, geht gut, passt. Aber warum sollte man? Was bringt es, wenn ich nun Netzwerke begrifflich konsistent im gesellschaftstheoretischen Rahmen einholen kann – wenn ich doch damit nicht mehr sehe als vorher? Oder das wäre zumindest meine Frage für die Abschlussdiskussion gewesen: Was sehe ich denn jetzt mehr als vorher? Würde die Antwort darauf in etwa lauten: Eigentlich nichts, aber dafür haben wir ein begrifflich konsistentes, umfassendes Instrumentarium! Dann würde ich das ganze Unterfangen fast für eine Form des Glasperlenspielens halten. Aber der entsprechende Eindruck hat sich bei mir in letzter Zeit auch an anderer Stelle schon eingestellt, gerade in Theoriediskussionen. Immer wieder frage ich mich dann, ob das vielleicht daran liegt, dass ich doch zu wenig Theoretikerin bin. Aber dazu fällt mir dann eigentlich Theorie wieder zu leicht, dazu haben gute theoretische Ansätze eine zu starke Wirkung auf mich. Ich vertraue also einfach mal meinem Zweifel und frage mich, wie weit diese theoretischen Versuche, Vorhandenes in Einklang zu bringen, tatsächlich führen können. Mehr lesen