Kritik anti-essenzialistischer Soziologie

Habilitationsprojekt

ab 2019

Dieses Forschungsprojekt dreht sich um anti-essenzialistisches Denken, das sich als eines der Schlüsselmerkmale gegenwärtiger soziologischer Theoriebildung begreifen lässt. Seine Bedeutung ist erheblich – nicht, weil anti-essenzialistische Zugänge eine etwas andere Perspektive auf Gesellschaft vermitteln, sondern weil sie den klassischen Vorstellungen davon, wie wissenschaftliche Erkenntnis zu erreichen ist, ein grundsätzlich anderes Wissenschaftsverständnis entgegensetzen. Anstelle des Versuchs nämlich, Erkenntnis durch eindeutige Bestimmung des Forschungsgegenstands – durch das Aufdecken von Wesenheiten, Kausalitäten oder Gesetzmäßigkeiten etwa – zu erzielen, gehen sie umgekehrt gerade von dessen prinzipieller Unbestimmtheit aus. Die zentrale Erkenntnisleistung besteht dann darin, nicht die Festschreibung, sondern die Freiheitsgrade eines jeden Gegenstands aufzuzeigen – und damit, auf welche Weise erst der gesellschaftliche Prozess sie beschränkt oder beseitigt.

Ziel des Projekts ist es, zum ersten Mal die Konturen, Potentiale und Grenzen der anti-essenzialistischen Erkenntnisweise umfassend und theorieübergreifend herauszuarbeiten. Das ist aktuell gerade deshalb so wichtig, weil selbige vor dem Hintergrund gegenwärtiger gesellschaftlicher Verwerfungen, etwa der Ausrufung eines „postfaktischen Zeitalters“, teilweise stark infrage gestellt wird. Ist es nicht denkbar, so die entsprechende Kritik, dass die gegenwärtige Geltungskrise im Zusammenhang steht mit anti-essenzialistisch kultivierter Geltungsskepsis? Nicht zuletzt diese Frage gilt es auszuloten, um herauszufinden: wie es weitergehen kann mit anti-essenzialistischem Denken innerhalb der Soziologie.

Diesem Denken nähert sich das Projekt von drei Seiten. Zum ersten durch eine systematische Rekonstruktion der zugehörigen Erkenntnislogik entlang von Schlüsselwerken, die den vier für die soziologische Gegenwart zentralen anti-essenzialistischen Theorierichtungen Pragmatismus, Poststrukturalismus, Systemtheorie und Netzwerktheorie zuzurechnen sind. Jenseits teils drastischer Unterschiede auf sozial- und gesellschaftstheoretischer Ebene, werden dabei erhellende Gemeinsamkeiten in wissenschaftstheoretischer Hinsicht deutlich – insbesondere in der gemeinsamen Abkehr von ontologischen, epistemologischen und methodologischen Essenzialismen. Zum zweiten durch eine historische Rekonstruktion wichtiger anti-essenzialistischer Denkfiguren entlang von disziplinprägenden Debatten um den Wahrheitsstatus von Aussagen über die Gesellschaft, insbesondere des frühen Methoden- und des Positivismusstreits sowie der Essenzialismus-Konstruktivismus-Debatte. Zum dritten schließlich durch die empirische, von einer qualitativen Diskursanalyse angeleitete Rekonstruktion des praktischen Einflusses anti-essenzialistischen Theoretisierens auf den gegenwärtigen politischen Diskurs. Gemeinsam machen diese drei Untersuchungsschritte das anti-essenzialistische Erkenntnisprogramm und seine Entwicklungsmöglichkeiten transparent.

Vorarbeiten:

Brichzin, Jenni; Schindler, Sebastian (2018): Warum es ein Problem ist, immer ‚hinter‘ die Dinge blicken zu wollen. Wege politischer Erkenntnis jenseits des verschwörungstheoretischen Verdachts. Leviathan 46 (4), S. 575-602.

Brichzin, Jenni (2018): Netzwerkforschung. Rezension des Sammelbandes: Löwenstein, Heiko; Emirbayer, Mustafa (Hrsg): Netzwerke, Kultur, Agency. Problemlösungen in relationaler Methodologie und Sozialtheorie. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie.

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