“Generationentagung”: Mein Bremer Vortrag mit Überlegungen zu den Grenzen anti-essenzialistischer Soziologie

Dialektik anti-essenzialistischen Denkens?

Wissenschaftstheoretische Überlegungen zum ‚postfaktischen Zeitalter‘

Vortrag gehalten bei der “Generationentagung” der DGS-Sektion Soziologische Theorie von 13. bis 14. Juni 2019 in Bremen (in einem Tagungshaus wunderschön direkt an der Weser – siehe Foto :-) ).

Ich gebe zu: Ein Zeitungsartikel hat mich dazu gebracht, die beiden Forschungsgebiete stärker zusammenzudenken, die mich nun schon seit Zeit umtreiben. Diese Forschungsgebiete liegen dabei im Bereich soziologischer Theorie auf der einen, im Bereich der Politikforschung auf der anderen Seite. Um es noch etwBremenas genauer zu sagen: An soziologischer Theorie fasziniert mich zur Zeit vor allem: wie viele gegenwärtige Theorierichtungen in ihrem Bemühen zu konvergieren scheinen, soziologische Kategorien und Herangehensweisen einer immer noch weitergehenden „Ent-Essenzialisierung“ zu unterziehen. Neben Wissen, Normen und Ideen wird nun auch der Mensch selbst, wird der Körper, wird das Materielle nicht mehr unproblematisch als So-Seiendes hingenommen. Alles wird im sozialen Prozess auflösbar, neu figurierbar, transformierbar. Eine anti-essenzialistische Konvergenz ist zu erkennen – aber darauf komme ich gleich nochmal zurück. In Bezug auf Politik hingegen treibt mich – wie viele andere – derzeit insbesondere die Frage um, wie es zu der, ich sage jetzt mal: Tendenz zur politischen Regression kommen konnte, die sich nun schon seit einiger Zeit in verschiedenen Gegenden der Welt beobachten lässt. In Chemnitz untersuchen wir vor diesem Hintergrund zum Beispiel gerade, wie rechtsextreme  Bewegungen sich in einer kleinen Großstadt in Sachsen Raum zu verschaffen suchen. Aber auch darauf werde ich, ganz am Ende, wieder zurückkommen.

Anti-essenzialistische Soziologie also und politische Regression, das sind die Themen, die mich bewegen, als ich diesen Zeitungsartikel von Albrecht Koschorke in der Neuen Zürcher Zeitung lese. Sicherlich nicht völlig neu, dafür aber pointiert (und mit Potential für scharfe Kontroversen), vermutet Koschorke, dass ein Zusammenhang zwischen beidem besteht. Im Speziellen zeigt er die Parallelen auf, die zwischen dem poststrukturalistischen Wissenschaftsdiskurs und dem politischen Diskurs der Neuen Rechten bestehen: Hier wie dort werden absolute Wahrheitsansprüche infrage gestellt; hier wie dort werden hegemoniale Weltsichten problematisiert; und hier wie dort werden diesen Weltsichten alternative Deutungen entgegengesetzt. Die implizite These Koschorkes lautet: Die Neue Rechte bedient sich mit Erfolg genau jener Mittel, die die ‚French Theory‘ (bzw. die „akademische Linke“, wie Koschorke schreibt) ursprünglich gegen konservative, den Status quo verabsolutierende Ansätze in Anschlag gebracht hatte. Die Geltungskrise des gegenwärtigen ‚postfaktischen Zeitalters‘ wäre nicht zu denken ohne geisteswissenschaftlich kultivierte Geltungsskepsis.

In meinem Vortrag werde ich versuchen, diesem Zusammenhang in drei Schritten nachzugehen. In einem ersten Schritt konzentriere ich mich dabei, anders als Koschorke, nicht auf poststrukturalistische Theorien, sondern nehme viel allgemeiner noch Tendenzen des theoretischen Anti-Essenzialismus in den Blick, die ich als Schlüsselmerkmal gegenwärtiger soziologischer Theoriebildung begreife. Im zweiten Schritt frage ich nach dem sozialen Mechanismus, der einen solchen Zusammenhang (der doch unmissverständlich den Intentionen der Theorieschaffenden entgegensteht) zu erwirken in der Lage wäre. Dazu greife ich auf einen Klassiker soziologischen Denkens zurück, die „Dialektik der Aufklärung“ von Max Horkheimer und Theodor Adorno. Im letzten Schritt schließlich werde ich Grenzen des vermuteten Zusammenhangs mit einem kurzen Blick auf unsere ethnografische Studie in Chemnitz beleuchten. Zunächst aber zum ersten Schritt der Argumentation.

1) Anti-essenzialistisches Denken als Schlüsselmerkmal soziologischer Theoriebildung

Was ist gemeint, wenn die Rede von „anti-essenzialistischem“ Denken ist? Schon in der Einleitung habe ich von einer theoretischen Konvergenz gesprochen, die sich entlang zentraler soziologischer Theorierichtungen der Gegenwart nachvollziehen lässt. Zu diesen Theorierichtungen zähle ich, neben poststrukturalistischen Ansätzen, insbesondere pragmatistische, systemtheoretische und netzwerktheoretische Theoriezugänge. Zugegeben: Auf sozial- und gesellschaftstheoretischer Ebene unterscheiden sich diese vier Ansätze teilweise drastisch. Die Verwandtschaft wird erst auf wissenschaftstheoretischer Ebene offenbar. Inwiefern, das möchte ich nun ausführen.

Wie bereits der Name ersichtlich macht, ist anti-essenzialistisches Denken zunächst einmal ein Gegenprojekt. Es wendet sich gegen jede Form von Essenzialismus, also gegen jegliche Zuschreibung eines absoluten, überzeitlichen, eindeutig bestimmbaren Wesens sozialer Phänomene, das vermeintlich durch Forschung aufgedeckt werden kann und muss. Gute Beispiele dafür, wogegen sich anti-essenzialistisches Denken wendet, sind etwa essenzialisierende Formen der Humankategorisierung: Wo immer Fragen nach dem Wesen der Frau, nach der Natur des Homosexuellen oder nach der substanziellen Veranlagung des Muslims gestellt werden, ist der anti-essenzialistische Furor geweckt. In der Soziologie begegnet man solchen explizit gegen Essenzialismen gerichteten Tendenzen dabei früher, als man vielleicht vermutet hätte. Schon Karl Popper wendet sich in seiner 1957 erschienenen Schrift „Das Elend des Historizismus“ gegen zwei Dimensionen des Essenzialismus: Auf der einen Seite gegen ontologischen Essenzialismus, der die Realität in eindeutig bestimmbare Bestandteile zerlegen möchte. Auf der anderen Seite gegen methodologischen Essenzialismus, der Begriffsbildungen bzw. Kategorisierungen für das zentrale Mittel der Erkenntnis hält. Popper versteht sich selbst demgegenüber als „methodologischen Nominalisten“ (Popper 1979: 23), der den Glauben an die Kongruenz von Begriff und Realität verwirft und „wo immer es nötig ist, ohne Scheu neue Begriffe einführt oder die alten Termini neu definiert“ (ebd.).

Erst Mitte der 1980er bis Ende der 1990er Jahre kommt die soziologische Kritik am essenzialistischen Denken zur vollen Entfaltung. Denn in diesem Zeitraum schwelt die sogenannte „Essenzialismus-Konstruktivismus-Debatte“ (Dekker 2013: 35), die ihren Ausgangspunkt in der feministischen Forschung nimmt und nach und nach immer mehr Forschungsfelder erfasst – etwa die Migrationsforschung (siehe Sökefeld 2007: 32), die politischen Theorie (vgl. Laclau/Mouffe 2015) oder die „postcolonial studies“ (z.B. Spivak 1999). Die Debatte entzündet sich entlang einer Auseinandersetzung innerhalb der Reihen feministischer ForscherInnen: Die eine Seite prangert die Inkompatibilität patriarchaler gesellschaftlicher, insbesondere auch wissenschaftlicher Strukturen mit der weiblichen Natur an, weshalb Frauen zu Unrecht verdrängt würden (z.B. Keller 1985). Die andere Seite sieht hingegen genau in dieser Argumentation ein prinzipielles Problem: Damit wird ja auf eine vermeintlich weibliche „Natur“ rekurriert, also auf etwas der Frau Wesenhaftes – sie argumentiert folglich auf der Basis eines ontologischen Essenzialismus, der die ursprüngliche Vorstellung von der weiblichen Essenz weiter festigt. Mit Blick auf die historische Variabilität der Zuschreibungen von Weiblichkeit lasse sich dies jedoch nicht halten (z.B. Hibner Koblitz 1987). Damit in engem Zusammenhang steht, wie bei Popper, die Kritik am methodologischen Essenzialismus, bzw. wie Judith Butler das formuliert: der „Glaube […] an die Wahrheit der grammatischen Kategorien“ (Butler 2014: 43), der den Status quo verabsolutiert. Im Laufe der Essenzialismus-Konstruktivismus-Debatte kommt nun aber noch eine dritte wissenschaftstheoretische Dimension hinzu: Kritik an einem epistemologischen Essenzialismus wird laut. Der Glaube an die herausgehobene Erkenntnisposition des wissenschaftlichen (bzw. männlichen, bzw. westlichen, etwas später dann schließlich: des menschlichen; Latour 2010: 131) Erkenntnissubjekts gerät ins Wanken.

Von dieser Debatte, bzw. von den hier aufscheinenden drei wissenschaftstheoretischen Dimensionen – also ontologischem, methodologischem und epistemologischem Anti-Essenzialismus – sind soziologische Theorieentwicklungen bis heute stark geprägt. Es würde an dieser Stelle zu weit gehen, genau vorführen zu wollen, inwiefern sich diese drei wissenschaftstheoretischen Dimensionen im Einzelnen in den vier oben erwähnten Theorierichtungen – also Pragmatismus, Poststrukturalismus, Systemtheorie und Netzwerktheorie – spiegeln. Abgesehen davon muss das auch noch deutlich genauer und differenzierter herausgearbeitet werden (hoffentlich im Rahmen eines DFG-Projekts, das ich gerade beantragt habe). Aber vielleicht lässt sich die wissenschaftstheoretische Konvergenz mit einem kurzen Schlaglicht zumindest illustrieren: So optieren in ontologischer Hinsicht alle vier Theorierichtungen für die prinzipielle Unbestimmtheit des Gegenstands, dem man sich etwa systemtheoretisch in Bezug auf seine „Kontingenz“ oder „Komplexität“, pragmatistisch eingedenk seiner „Verschwommenheit“ oder „Ungewissheit“, und netzwerktheoretisch unter Berücksichtigung seiner „Polyvalenz“ oder „Multiplexität“ nähert. In methodologischer Hinsicht teilen die vier Theorierichtungen ein „Unbehagen an der Kategorie“ (Haag 2003), das sich netzwerktheoretisch mithin sogar zu einem „anticategorical imperative“ steigert (Emirbayer/Goodwin 1994: 1414). Und in epistemologischer Hinsicht begegnet etwa der poststrukturalistische Anti- oder Posthumanismus dem ahumanistischen Akteurskonzept der Latour‘schen Netzwerktheorie oder dem gleichermaßen ahumanistisch gedachten systemtheoretischen Beobachter. Eines meiner Forschungsziele in Zukunft wird es sein, diesbezügliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede genau zu rekonstruieren und ihre theoriestrategische Bedeutung ebenso wie ihre Grenzen aufzuzeigen.

Jetzt könnte man vielleicht sagen: Ach, das mag ja ganz nett und hilfreich sein, das mal systematisch anzugehen und übergreifend herauszuarbeiten. Aber hat sich die Sache nicht im Grunde seit eben dieser Konstruktivismus-Essenzialismus-Debatte erledigt? Und: Ist das nicht alles ein bisschen ein alter (konstruktivistischer) Hut? Beide Fragen würde ich mit „Nein“ beantworten, weil ich überzeugt bin, dass bisher in der Diskussion zu kurz gekommen ist: Welche Auswirkungen die Abkehr von essenzialistischem Denken nicht nur für Sozial- und Gesellschaftstheorie, sondern eben auch für unser Verständnis von Wissenschaft selbst hat. In diesem Sinne würde ich mit Anti-Essenzialismus eine spezifische wissenschaftstheoretische Position bezeichnen, deren Ziel gerade nicht die eindeutige Bestimmung von Wirklichkeit ist, wie es das klassische Wissenschaftsverständnis vorsieht. Gemäß der anti-essenzialistischen Position liegt die Erkenntnisleistung von Wissenschaft vielmehr gerade umgekehrt in der Freisetzung von fixen Bestimmungen, von deterministischen Sichtweisen auf die Welt. Wissenschaft soll also nicht so sehr selbst bestimmen, was oder wie etwas ist. Sie soll transparent machen, warum es so schwierig ist, die Welt anders denn als bestimmte Welt zu denken.

Michel Foucault (ganz ähnlich übrigens wie Niklas Luhmann) formuliert vor diesem Hintergrund sogar eine neue Idee von Aufklärung. Freiheit wird dieser neuen Vorstellung nach nicht so sehr dadurch erreicht, dass man sich tradierter Vorgaben entledigt und sich stattdessen unter Gebrauch der Vernunft ein Bild von der Welt macht, wie sie wirklich ist – so ähnlich hatte ja Immanuel Kant den Begriff gefasst. Freiheit wird in den Worten Foucaults vielmehr erreicht, indem man „in der Kontingenz, die uns zu dem gemacht hat, was wir sind, die Möglichkeit auffinde[t], nicht länger das zu sein, zu tun oder zu denken, was wir sind, tun oder denken“ (Foucault 1990: 49). Wirklich aufgeklärt und auf dem Weg in die Freiheit ist also erst, wem es überhaupt gelingt, die Welt (und mit ihr sich selbst) als nicht eindeutig fixierbar, als transformierbar zu begreifen. Und damit komme ich zum zweiten Teil meines Vortrags.

2) Die „Dialektik der Aufklärung“ – und was sie uns über das soziologische Denken der Gegenwart verraten könnte

Weit vor Foucault, noch während die faschistische Katastrophe in Deutschland im vollen Gange war, haben sich Horkheimer und Adorno kritisch mit der Idee der Aufklärung auseinandergesetzt. Wie konnte es in einer Gesellschaft, die so viel auf die Leistungen der Vernunft, auf den Fortschritt, auf die eigene Aufgeklärtheit hält, zu einem Rückfall in die absolute Barbarei kommen? Das ist bekanntlich das Bezugsproblem der „Dialektik der Aufklärung“. Dem historischen Prozess, der „Aufklärung“ genannt wird, wird bei dieser paradoxen Entwicklung die zentrale Rolle zugewiesen. Das heißt aber nicht, dass Horkheimer und Adorno die Idee der Aufklärung als Befreiung des Menschen aus seiner Unmündigkeit grundsätzlich abgelehnt hätten. Im Gegenteil: Das Streben nach wahrer Aufklärung ist sogar der implizite Horizont des gesamten Textes. Vielmehr ist es die konkrete Form der historischen Verwirklichung von Aufklärung, die als Problem identifiziert wird.

Wo genau liegt das Problem? Das möchte ich an dieser Stelle kurz rekapitulieren, bevor ich die Frage beantworten kann, was das alles denn nun mit anti-essenzialistischem Denken zu tun hat. Horkheimer und Adorno meinen, das Problem kulminiere bei Kant, konkreter: Es kulminiere in Kants Vorstellung von der zentralen Leistung der Vernunft. Die Kritik entzündet sich dabei nicht an der Bezugnahme auf Vernunft als solcher, sondern an einem bestimmten Verständnis des Vernunftbegriffs. Nach Kant ist Vernunft die Fähigkeit des menschlichen Geistes, das Allgemeine im Besonderen zu erkennen, also durch (begriffliche) Systematisierung Ordnung in der komplexen Mannigfaltigkeit der äußeren Erscheinungen zu stiften. Aufgeklärte Mündigkeit erreicht der Mensch folglich, wenn es ihm gelingt, die Welt durch seinen erkennenden Geist zum System zu ordnen. (Dadurch wird er ihrer zugleich Herr, die systematisierende Vernunft ist das dem menschlichen Willen zur Naturbeherrschung gemäße Werkzeug – aber darum soll es im Weiteren gar nicht gehen.) Horkheimer und Adorno erscheint diese Vorstellung von Vernunft deshalb als problematisch, weil sie die Erkenntnis von Wirklichkeit auf eine bestimmte Weise engführt: auf die Herausbildung eines Systems, dessen einzelne Elemente dadurch schrittweise aus dem Blick geraten. Wenn sich die Welt aus einer komplexen Mannigfaltigkeit von Erscheinungen konstituiert: inwiefern kann dann als Erkenntnis gelten, was  genau dadurch entsteht, dass von dieser komplexen Mannigfaltigkeit abgesehen wird? Es ist diese einseitige Subsumtion des Besonderen unter das Allgemeine, die Horkheimer und Adorno als ein Grundübel der aufgeklärten Moderne ausmachen.

Die Aufklärung, in ihrer historischen Verwirklichungsform, erhebt also das Kant‘sche Verständnis von Vernunft – als systematisierende, als kalkulierende, als subsumtive Kraft – zum allgemeinen Verständnis. Daraus folgt zunächst einmal schlicht die, wie Horkheimer und Adorno immer wieder andeuten, positivistische Selbstbeschränkung des Denkens: auf das „Tatsächliche“ nämlich, auf den Status quo, der sich berechnen, verallgemeinern, vergleichen und zurichten lässt. Mit anderen Worten also: der sich eindeutig bestimmen lässt. An dieser Stelle, bei der Abkehr von einem rein am Status quo und dem Streben nach seiner eindeutigen Bestimmung orientierten Denken, zeigen sich die Parallelen von kritischem und anti-essenzialistischem Denken.

Bedeutet also die Ausbreitung anti-essenzialistischen Denkens die Verwirklichung der Utopie wahrer Aufklärung? Begegnen wir hier endlich der „Vernunft als“, wie Horkheimer und Adorno schreiben, „Idee eines freien Zusammenlebens der Menschen, in dem sie zum allgemeinen Subjekt sich organisieren und den Widerstreit zwischen der reinen und empirischen Vernunft in der bewußten Solidarität des Ganzen aufheben“ (Horkheimer/Adorno 1988: 90)? Mit den Autoren der „Dialektik der Aufklärung“ müsste man diese Frage wohl mit „nein“ beantworten. Denn sie verwerfen nicht das systematisierende, verallgemeinernde, das eindeutig bestimmende Denken an sich – Allgemeinheit ist schließlich ein konstitutives Moment von Wirklichkeit. Was sie verwerfen, ist dessen bis zur Verdinglichung betriebene Vereinseitigung. Denn sie ist es, die Aufklärung in ihr Gegenteil verkehren lässt. Nicht Rationalität als Maßstab des Handelns, sondern Rationalität als einziger Maßstab des Handelns, der nichts mehr neben sich gelten lässt, begründet das Problem. Erst das fehlende Eingedenken in den dialektischen Aufbau der Wirklichkeit – zwischen Allgemeinheit und Besonderheit, zwischen Status quo und Kritik – führt den dialektischen Umschlag herbei, der Aufklärung in ihr Gegenteil verkehrt: aus Rationalität wird Irrationalität, aus Aufklärung wird Barbarei.

Das vermutete „Nein“ als Antwort auf die Frage, ob sich anti-essenzialistisches Denken als Verwirklichung der Utopie wahrer Aufklärung begreifen lässt, resultiert letztlich aus dem Umstand, dass auch dieses Denken als vereinseitigendes Denken begriffen werden kann. Denn einer anti-essenzialistisch verstandenen Wissenschaft geht es eben, so hatte ich es zuvor beschrieben, um die Freisetzung von fixen Bestimmungen. Das Pendel schlägt also in Richtung der Prämisse der Unbestimmtheit (und Unbestimmbarkeit) der Welt aus – was genau umgekehrt unter deren adäquater Bestimmung zu verstehen und wie sie zu erreichen wäre bleibt unklar. Zwar betonen anti-essenzialistische DenkerInnen, dass es durchaus nicht beliebig sei, was über die Welt gewusst werden kann (dies ist häufig die Antwort auf den Vorwurf des Relativismus, mit dem anti-essenzialistisches Denken bereits seit seinen Anfängen konfrontiert ist). Aber woran schließlich lässt sich solche Nicht-Beliebigkeit festmachen? Ein dialektischer Umschlag ist dort zu befürchten, wo Unbestimmtheit absolut gesetzt wird, wo Anti-Essenzialismus selbst essenzialisiert wird, könnte man auch sagen – wo also anti-essenzialistisches Denken sich fixen Bestimmung zu enthalten sucht. Wenn verschiedene Seinsweisen respektiert, nachvollzogen und ernst genommen, zugleich aber nicht mehr beurteilt werden sollen; wenn unterschiedlichste Standpunkte verstanden und anerkannt, nicht aber entschieden werden können. Wo Standpunkte zugleich inkommensurabel und bedeutsam erscheinen, sind sie letzten Endes sakrosankt. Das anti-essenzialistische Bewusstsein für die Vielfalt der Perspektiven wandelt sich in eine Apologie des Besonderen. Die Dialektik anti-essenzialistischen Denkens wird dann offenkundig: Das Streben nach vollkommener Freisetzung von allen Festschreibungen kann in Verhältnisse hineinführen, in denen man sich von immunisierten und totalen Festschreibungen – etwa durch rationale Argumente – nicht mehr frei zu machen imstande ist. Offenheit schlägt in Fixierung um, anti-essenzialistisches Denken hätte das Gegenteil von Freisetzung zur Folge. Damit komme ich zum letzten Teil meines Vortrags.

3) Dialektik im ‚postfaktischen Zeitalter‘ und wie weiter

Wir kehren an den Anfang dieses Vortrags zurück, zu Koschorkes Text in dem er, in etwas anderen Worten, über einen möglichen Zusammenhang zwischen anti-essenzialistischem Denken und politischer Regression im ‚postfaktischen Zeitalter‘ nachdenkt. Folgt man der Diagnose, die die Gegenwart als ‚postfaktisches Zeitalter‘ bestimmt, so liegt seine Besonderheit (wie etwa die Philosophin Kathleen Higgins ausführt) nicht so sehr darin, dass Tatsachen missachtet und unbegründete Aussagen verbreitet werden, um politische Gefolgschaft zu sichern – das hatte es schließlich zu jeder Zeit gegeben. Die Besonderheit liegt vielmehr darin, dass dies nun nicht mehr versteckt geschehen muss, dass Aussagen über das Sosein der Welt sich nicht mehr im Auge der Vernunft oder der Wahrheit legitimieren müssen. Nun reichen die Evidenz des äußeren Anscheins und des inneren Gefühls, um einen alternativen Blick auf die Welt zu begründen. Dass dies möglich ist lässt sich – so könnte man zumindest auf der Grundlage der Fortschreibung des zentralen Arguments in der „Dialektik der Aufklärung“ denken – auf das vereinseitigte Beharren auf Unbestimmtheit zurückführen, und die Unhintergehbarkeit der verschiedenen Perspektiven, die daraus resultiert.

Ich denke, anti-essenzialistisch Forschende (zu denen ich mich selbst ohne Zögern zähle) würden gut daran tun, sich dieser Möglichkeit zu stellen – der Möglichkeit also, dass diese Erkenntnisweise Nebenfolgen haben könnte, die ebenso wenig intendiert sind wie sie befreiend wirken. Und wir sollten uns auch der Frage stellen, welchen Weg Wissenschaft einschlagen kann, wenn weder die immer weitergehende Entessenzialisierung noch die Rückkehr zu einer realistischen (bzw. positivistischen) Denkweise weiterführt. Wie sieht, um es noch ein letztes Mal in der speziellen Diktion Horkheimers und Adornos (bzw. Hegels) zu fragen, die „bestimmte Negation“ anti-essenzialistischen Denkens aus? Ich denke das ist die Frage, der wir uns in Zukunft stellen müssen.

Aber natürlich muss auch der These vom Zusammenhang zwischen anti-essenzialistischem Denken und politischer Regression, um die sich mein Vortrag gedreht hat, noch weiter nachgegangen werden. Ein guter Weg, um dies zu tun, scheint mir – und mit dieser Anmerkung möchte ich enden – die empirische Untersuchung eben solcher Momente politischer Regression selbst zu sein. Mit unserer eingangs erwähnten ethnografischen Studie in Chemnitz versuchen wir genau das. Dabei beobachten wir, dass die AnhängerInnen der rechtsextremen Bewegungen – also jene, die sich etwa bei einer der vielen Demonstrationen vor Ort versammeln – sich gerade nicht zynisch auf einer unbegründeten Weltsicht ausruhen. Anders als man vielleicht vor dem Hintergrund der Diagnose des ‚postfaktischen Zeitalters‘ vermuten könnte, haben die Akteure vor Ort keineswegs den Anspruch auf Rationalität und Wahrheit aufgegeben. Im Gegenteil eigentlich: Hier (ganz genau wie bei den Bewegungen gegen Rechts auch) äußert sich häufig ehrliche Fassungslosigkeit ob des, so meinen die AnhängerInnen, Fehlens eines „gesunden Menschenverstands“ bei der politischen Gegenseite, die den eigenen Argumenten nicht zu folgen imstande ist. Die Besonderheit dieser politischen Bewegungen scheint mir also nicht so sehr darin zu liegen, dass sie auf Argumente gänzlich verzichten. Sondern darin, in welchem Ausmaß und Tempo sie in der Lage sind, Argumente bzw. Fakten (ganz im Sinne Bruno Latours übrigens) zu „machen“, zu „fabrizieren“ – also ihre eigene Weltsicht durch selektive Bezugnahme etwa auf Ereignisse, bestehende Argumente, Normen und Metaphern zu materialisieren. Eine vollständig anti-essenzialistische Perspektive ist in der Lage, die Gemachtheit der Argumente und „Fakten“ beider Seiten zu erkennen, ohne die Auseinandersetzung durch die Unterstellung von Dummheit oder Verblendetheit abzubrechen. Und eine Perspektive, die über Anti-Essenzialismus hinausgeht, könnte in der Lage sein zu sehen: Wie sich gerade durch diese Einsicht die Möglichkeit zur wahrheitsfähigen Bestimmung eröffnet.

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