Dialektik anti-essenzialistischen Denkens?

Wissenschaftstheoretische Überlegungen zum ‚postfaktischen Zeitalter‘

Vortrag gehalten bei der “Generationentagung” der DGS-Sektion Soziologische Theorie von 13. bis 14. Juni 2019 in Bremen (in einem Tagungshaus wunderschön direkt an der Weser – siehe Foto 🙂 ).

Ich gebe zu: Ein Zeitungsartikel hat mich dazu gebracht, die beiden Forschungsgebiete stärker zusammenzudenken, die mich nun schon seit Zeit umtreiben. Diese Forschungsgebiete liegen dabei im Bereich soziologischer Theorie auf der einen, im Bereich der Politikforschung auf der anderen Seite. Um es noch etwBremenas genauer zu sagen: An soziologischer Theorie fasziniert mich zur Zeit vor allem: wie viele gegenwärtige Theorierichtungen in ihrem Bemühen zu konvergieren scheinen, soziologische Kategorien und Herangehensweisen einer immer noch weitergehenden „Ent-Essenzialisierung“ zu unterziehen. Neben Wissen, Normen und Ideen wird nun auch der Mensch selbst, wird der Körper, wird das Materielle nicht mehr unproblematisch als So-Seiendes hingenommen. Alles wird im sozialen Prozess auflösbar, neu figurierbar, transformierbar. Eine anti-essenzialistische Konvergenz ist zu erkennen – aber darauf komme ich gleich nochmal zurück. In Bezug auf Politik hingegen treibt mich – wie viele andere – derzeit insbesondere die Frage um, wie es zu der, ich sage jetzt mal: Tendenz zur politischen Regression kommen konnte, die sich nun schon seit einiger Zeit in verschiedenen Gegenden der Welt beobachten lässt. In Chemnitz untersuchen wir vor diesem Hintergrund zum Beispiel gerade, wie rechtsextreme  Bewegungen sich in einer kleinen Großstadt in Sachsen Raum zu verschaffen suchen. Aber auch darauf werde ich, ganz am Ende, wieder zurückkommen. Mehr lesen

The Berkeley Experience

“Berkeley”. Irgendwie muss ich das Wort nur sagen, und den KollegInnen tritt auf einmal dieser “öha!”-Ausdruck ins Gesicht. Ich war also, gemeinsam mit dem Kampfkameraden Ulf, in Berkeley, auf einer Konferenz, nocIMG_20190429_184248290h dazu auf der “Inaugural Conference on Right-Wing Studies”, organisiert durch das “Center for Right-Wing Studies” an der UC Berkeley. Öha! Und es war auch wirklich spannend und eindrücklich! (Nicht zuletzt unser Vortrag natürlich 🙂 ) Wir haben zentrale Fragen diskutiert – so etwa: inwiefern man gegenwärtige rechtspopulistische und rechtsextreme Tendenzen als Ausdruck eines “internationalen Nationalismus” begreifen muss; welche Rolle digitale Netzwerke bei der Ausbreitung dieser Tendenzen spielen; in welchem Verhältnis Rassismus und Anti-Feminismus stehen; inwiefern sich rechtsextreme und Gegenbewegungen wirklich in einen radikalen Kontrast stellen lassen, bzw. worin der Kontrast genau liegt (mit unserem Vortrag haben wir versucht, zur Beantwortung dieser letzteren Frage beizutragen). Wie gesagt: Spannend!  Mehr lesen

Im Podcast: Die Erkenntnisfigur des “Dahinter”

Es gibt da dieses nette Projekt von zwei jungen Berliner Wissenschaftlern, Jan und Leo: “Das neue Berlin”, ein Podcast für Themen und wissenschaftliche Zugänge sozusagen von der “Basis” weg – zur Sprache kommt, was interessiert und wer noch nicht sowieso schon mit Mittelpunkt der Fachaufmerksamkeit steht. Dabei geht es statt um Statements oder vorgefertigten Redebeiträgen um ein Gespräch, in dem Gedanken mal langsam und mal schneller (manchmal auch auf Um- oder Abwegen) entwickelt und geprüft werden. Sehr sympathisch!

das neue berlin

Die beiden haben jetzt den Kollegen Sebastian Schindler und mich gefragt, ob wir nicht Lust hätten, uns mit ihnen mal zu unterhalten – über unseren kürzlich im Leviathan erschienenen Aufsatz mit dem länglichen Titel “Warum es ein Problem ist, immer ‘hinter’ die Dinge blicken zu wollen. Wege politischer Erkenntnis jenseits des verschwörungstheoretischen Verdachts”. Hatten wir natürlich, das Ergebnis lässt sich hier anhören. Und natürlich bin ich mal wieder unzufrieden mit mir selbst, aber das tut ja der Qualität der Beiträge der Anderen keinen Abbruch – und wahrscheinlich ist es doch auch einfach in Ordnung so, wie es ist 🙂 Das nächste Mal wird’s dann halt NOCH besser, tschakka!

Studien zu anti-essenzialistischem Denken

Fast, fast, fast ist es so weit, mein Projektantrag zu einer “Kritik anti-essenzialistischer Soziologie” ist beinahe abgeschickt. Zur Feier des Tages stelle ich jetzt hier mal einen kleinen Versuch hin, den ich im Rahmen von Vorüberlegungen zu besagtem Antrag geschrieben habe – sicher keine fertige Argumentation, aber der ein oder andere interessante Gedanke ist vielleicht drin. Also:

Die Dialektik des Anti-Essenzialismus

Ein Essay zum Zustand der Vernunft im „postfaktischen Zeitalter“.

In einem Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung hat Albrecht Koschorke neulich beschrieben, wie die Welt derzeit aus den Fugen gerät.1 Doch es war keine der üblichen Einlassungen zum bedenklichen Zustand des globalen Politischen, wie man sie derzeit (völlig zu Recht, würde ich meinen) allenthalben liest. Nein, Koschorkes Aufmerksamkeit richtet sich auf die akademische Welt, genauer gesagt: Er fragt sich, wie der geisteswissenschaftliche Diskurs mit den politischen Verwerfungen zusammenhängt, die zur Ausrufung eines „postfaktischen Zeitalters“ geführt haben. Er schreibt: Mehr lesen

Im Zug nach Chemnitz II oder: warum ich “Horst” fast ein bisschen dankbar bin.

Eine neue Erzählung nach einer wahren Begebenheit im Zug nach Chemnitz.

Eine unmögliche Situation war das. Beschissen würde man sagen, wäre man nicht im Internet, und wäre das Internet nicht so ein wundervoll zivilisierter Raum. Lieber also: unmöglich. So eine Situation, nach der sich einem oft hinterher die Fingernägel aufrollen vor Ärger, dass man das Falsche gesagt, getan, signalisiert hat, dass man der Situation nichts entgegenzusetzen hatte. Die überrollt dich dann, eine scharfe Welle, sie reißt dich an einen Ort, an den du nicht wolltest, Kontrolle weg.

Aber nicht diesmal. Diesmal nicht, deshalb ist auch die Situation vorbei und ich bin, naja, juhu, zufrieden. Also ab Anfang: Es ist Abend, und ich steige mal wieder in den Zug ein. Mehr lesen

Chemnitz: dem Politischen auf der Spur

WorkshopChemnitzAus gegebenem Anlass starten wir  in Chemnitz ein kleines lokales Kooperationsprojekt zur Frage, wie sich hier das Politische – zwischen rechts und links und darüber hinaus – im öffentlichen Raum manifestiert: “Chemnitz – politische Ethnografie einer Stadt” (das Bild stammt von der Ankündigung zum Auftaktworkshop). Ein paar erste Beobachtungsgänge durch die Stadt haben wir schon gemacht – das wird spannend, ich freue mich richtig drauf! Da gibt es bestimmt auch zwischendurch immer mal was zu berichten.

Im Zug nach Chemnitz

Eine literarisch-ethnografische Erzählung nach einer wahren Begebenheit auf der Reise vom Soziologiekongress nach Chemnitz.IMG_20190409_074929973[1]

Es ist Nacht, als der Zug uns am Ende unserer Reise in die steinerne Wirklichkeit von Chemnitz entlässt. Tiefmüde machen wir uns auf den Weg; an einer kleinen Kneipe vorbei, unter stählernen Brücken hindurch, die gepflasterten Straßen kreuzend. Das Bett steht uns als Verheißung vor Augen. Der Rollkoffer klappert noch den Takt der Erinnerungen an Göttingen hinter uns her, doch die Magie des Kongresses ist verflogen. Diese Reise scheint nicht Transit, sie scheint Auftauchen gewesen zu sein, Auftauchen aus einer anderen Welt. Mehr lesen

Von Parlamenten zu Parteien: Cracking Political Institutions

Dieses Jahr ist unser Sammelband “Soziologie der Parlamente” (Reihe Politische Soziologie Springer VS) erschienen, jetzt mache ich mich – gemeinsam mit Jasmin Siri – an ein neues kollektives Publikationsprojekt: Wir wollen mit einem Buch zur “Soziologie der Parteien” neue soziologische Perspektiven auf Parteien ausloten! Aktuell ist, so meinen wir, ein guter Zeitpunkt um genau das zu tun. Wie mit dem Parlamentsbuch wollen wir die Soziologie dabei ein bisschen aus der Reserve locken, denn die beschäftigt sich traditionell nur am Rande mit politischen Institutionen, und auch der Dialog mit der Politikwissenschaft fällt eher sporadisch aus. Da geht mehr, meinen wir – mal sehen, was da kommt!

Und so liest sich unser Call for Papers zum Projekt (hier auch nochmal komplett als pdf zum Download): Mehr lesen

Jetzt: In Chemnitz!

IMG_20181009_080518542_HDRSeit ersten Oktober arbeite ich am Institut für Soziologie der TU Chemnitz. Gibt viele Gründe, warum ich das ganz wundervoll finde, aber wir haben hier ja nicht so viel Zeit. Bei Gelegenheit erzähle ich sicherlich die ein oder andere Geschichte – zum Beispiel von meinen Zugfahrten hierher, die bisher schon immer wieder sehr eigentümlich waren. Aber jetzt geht’s erst mal los!

Die gesellschaftliche Konstruktion politischer Eliten – ein zweiter Analyseversuch

Schon seit einiger Zeit arbeite ich an der Vorbereitung eines Projekts zu der Frage, welche Vorstellungen sich die Gesellschaft von ihren politischen “Eliten” macht. Aktuell scheint mir dieses Forschungsinteresse dabei relevanter zu sein denn je: Populismen haben Aufwind und damit auch die scharfe Polarisierung “des Volkes” auf der einen, “der politischen Elite” auf der anderen Seite (Spier 2010, S. 21). Wie sieht es aber jenseits der TrägerInnen solcherart populistischer Einstellungen mit unserem Bild von politischen Führungsfiguren aus? Unterscheidet es sich tatsächlich so klar von der populistischen Haltung, dass es als zentrales Definitionsmerkmal des Populismus herhalten kann? Auf der Basis der Standardergebnisse entsprechender Umfrageforschung – in denen BürgerInnen ihren politischen VertreterInnen immer wieder attestieren, “abgehoben” zu sein (vgl. Reiser 2018) – dürfen zumindest Zweifel aufkommen. Um dies genauer zu ergründen, dafür ist das Projekt gedacht.

In Vorbereitung dieses Vorhabens habe ich zwei kleine qualitativ-empirische Vorstudien in Form von Lehrforschungsprojekten durchgeführt: Mehr lesen