Jetzt: In Chemnitz!

IMG_20181009_080518542_HDRSeit ersten Oktober arbeite ich am Institut für Soziologie der TU Chemnitz. Gibt viele Gründe, warum ich das ganz wundervoll finde, aber wir haben hier ja nicht so viel Zeit. Bei Gelegenheit erzähle ich sicherlich die ein oder andere Geschichte – zum Beispiel von meinen Zugfahrten hierher, die bisher schon immer wieder sehr eigentümlich waren. Aber jetzt geht’s erst mal los!

Die gesellschaftliche Konstruktion politischer Eliten – ein zweiter Analyseversuch

Schon seit einiger Zeit arbeite ich an der Vorbereitung eines Projekts zu der Frage, welche Vorstellungen sich die Gesellschaft von ihren politischen “Eliten” macht. Aktuell scheint mir dieses Forschungsinteresse dabei relevanter zu sein denn je: Populismen haben Aufwind und damit auch die scharfe Polarisierung “des Volkes” auf der einen, “der politischen Elite” auf der anderen Seite (Spier 2010, S. 21). Wie sieht es aber jenseits der TrägerInnen solcherart populistischer Einstellungen mit unserem Bild von politischen Führungsfiguren aus? Unterscheidet es sich tatsächlich so klar von der populistischen Haltung, dass es als zentrales Definitionsmerkmal des Populismus herhalten kann? Auf der Basis der Standardergebnisse entsprechender Umfrageforschung – in denen BürgerInnen ihren politischen VertreterInnen immer wieder attestieren, “abgehoben” zu sein (vgl. Reiser 2018) – dürfen zumindest Zweifel aufkommen. Um dies genauer zu ergründen, dafür ist das Projekt gedacht.

In Vorbereitung dieses Vorhabens habe ich zwei kleine qualitativ-empirische Vorstudien in Form von Lehrforschungsprojekten durchgeführt: Mehr lesen

Oh Motivation, du seltsames Huhn.

HuhnGibt es sie, die Motivationsbolzen, die immer gleichermaßen stramm vor der Arbeit stehen? Die unbeirrbar und ohne zu schwanken jeder Versuchung trotzen, etwas anderes zu machen? Jedenfalls gibt es zumindest Erzählungen über sie. Und Erzählungen über essentiell Dauermotivierte haben unangenehmerweise die bekannte Nebenwirkung, Demotivation zu erzeugen. Dabei habe ich den Verdacht, dass ich in manchen Erzählungen selbst als dauermotiviertes Leistungstier repräsentiert bin: “Wie macht sie das nur, mit den Kindern und der Wissenschaft und so?!” Wenn ich dann mal in ein Motivationstief rutsche,

Mehr lesen

Wie das Politische erkennen? (alias: Sozialtheorie vs. Verschwörungstheorie)

Ich bin sehr gespannt auf die Tagung der DGS-Sektion Politische Soziologie, bei der ich – gemeinsam mit dem lieben Kollegen Sebastian Schindler – am 26. April einen Vortrag halten darf! Vor allem, weil wir hier zum ersten Mal versuchen, unsere sehr ählichen Forschungserfahrungen theoretisch produktiv zu formulieren. Diskutiert haben wir unsere Ideen (jenseits unserer Dyade) bisher noch nicht, umso interessanter die Rückmeldungen darauf… Hier, wen’s interessiert, der Abstract zum Vortrag:

“Wir nehmen den Aufruf zur Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Stellung der Politischen Soziologie zum Anlass, um uns mit einem Problem zu beschäftigen, das uns in unserer eigenen Forschung zu Phänomenen des Politischen immer wieder begegnet. Aus unserer Sicht steht die Politische Soziologie derzeit insbesondere vor zwei Schwierigkeiten. Erstens wird ihr Gegenstand zu weit begriffen, als dass sie einen konzentrierten Beitrag zum Verständnis einer eminent politisch bestimmten Gegenwart leisten könnte – wo als politiksoziologisch relevanter Gegenstand jeglicher politisch relevante Gegenstand verstanden wird (allen voran vielleicht die im Call zu dieser Tagung angeführte soziale Ungleichheit) wird ihr Zugriff beliebig. In unserem Beitrag setzen wir jedoch an der zweiten für uns erkennbaren Schwierigkeit an: Mehr lesen

Sammelband “Soziologie der Parlamente” erschienen

SoziologieDerParlamenteDas Ergebnis wunderbar kollegialer Herausgeberarbeit (chapeau, chers messieurs!) ist erschienen. Unsere These: es ist an der Zeit, dass sich die Soziologie an die klassischen politischen Institutionen – insbesondere natürlich die Parlamente – herantraut!

Wer mal reinschnuppern will: Hier gibt’s das Inhaltsverzeichnis, hier geht’s zur Verlagsseite, und hier eine kurze Beschreibung des Inhalts:

Der Band entfaltet Zugänge zu einer genuin soziologischen Betrachtungsweise von Parlamenten. Er schlägt den Bogen von gesellschaftstheoretischen Ansätzen über mikrosoziologische Perspektiven hin zu internationalen Forschungstendenzen. Mehr lesen

Ein Hoch auf die soziologische Netzwerkforschung? Ein Kommentar aus gegebenem Anlass

Das ist ein Kommentar, den ich im Nachgang einer Netzwerktagung im Dezember 2016 geschrieben habe. Es hatte damals so ausgesehen, als ließe sich daraus etwas mehr machen, eine Diskussion über den gegenwärtigen Status der Netzwerkforschung in Deutschland vielleicht? Hat nicht geklappt, klappen halt immer mal Sachen nicht. Vielleicht war der Text auch zu allgemein angelegt, aber mir hat das Schreiben jedenfalls geholfen. Deshalb jetzt also hier, sozusagen zum Jahrestag jener Tagung, ein weiterer Eintrag in meinem digitalen “Denktagebuch” 🙂

  1. Warum sich mit der Netzwerkforschung auseinandersetzen?

Mehr lesen

Ethnografie der Parlamente? Im Kommen!

2017-10-12 08.41.39Ja, es gibt sie, die spannende ethnografische Forschung zu Parlamenten! Diejenige, die sich nicht allein mit der Betrachtung formaler Prozesse, quantitativer Zusammensetzungen oder Eigennutzpostulaten zufrieden gibt. Die sich vielmehr dafür interessiert, wie Politik im komplexen institutionellen Arrangement eines Parlaments möglich ist und wie parlamentarische Praxis konkret aussieht. Das hat mir ein Forschungsworkshop im schottischen Edinburgh klar gemacht, den ich vergangene Woche besucht habe – glücklich darüber, dass es da echt einen Haufen Leute gibt, die sich für genau das Gleiche interessieren wie ich! Das Thema des Workshops lautete dann auch passenderweise: “Ethnographies of Legislatures”.

Was haben wir nicht alles für Facetten parlamentarischen Geschehens diskutiert: Mehr lesen

Die WAT-Misere oder: wie Wissenschaftliche ArbeitsTechniken lehren?

Neulich habe ich mich mal ein bisschen auf Neuland (oder vielleicht eher Altland?!) gewagt: pünktlich zum Schulanfang am 12.9. habe ich dem Gymnasium Ottobrunn – da bin ich zur Schule gegangen! – einen Besuch abgestattet. Aber beileibe nicht einfach so, aus Nostalgiegründen. Sondern schon im hehren Auftrag der Wissenschaft. Eh klar. Einen Inputvortrag habe ich da nämlich gehalten, zum Thema “Wissenschaftliche ArbeitsDreischritttechniken (WAT) lehren”. Klingt dröge?  Ist aber megawichtig, megaaktuell, und damit irgendwie auch megaspannend.

Was jetzt so ein bisschen nach missionarischem Eifer klingt – man muss das den LehrerInnen an den Schulen doch mal sagen, wie sie das machen müssen! – ist wirklich null Komma null so gemeint. Weil (Achtung, pauschale These): die Leute an den Unis haben doch eigentlich selbst keinen richtigen Plan, was sie da tun. Mehr lesen

Von der Wissenschaft zur Politik: wenn es Zeit wird, zu handeln.

Schon seit einiger Zeit ist ja völlig klar: es muss etwas passieren. Seit Jahren schon gibt es erstarkende populistische Strömungen in ganz Europa, aber erst mit dem Aufschwung von pegida habe ich begriffen, dass das nicht nur zu vernachlässigende Randerscheinungen sind. Dann diese Häufung von verstörenden Entwicklungen: die Entmachtung des Verfassungsgerichts in Polen, der Brexit, die Geschehnisse in Ungarn, neulich erst die Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit dort, jetzt der Angriff auf die Gewaltenteilung in der Türkei, der versuchte Staatsstreich in Venezuela usw. Vor allem aber der Sieg des Populismus in den USA hat mich, wie viele andere auch, endlich begreifen lassen: wenn das im Mutterland der in die Praxis umgesetzten Massendemokratie möglich ist, welche unserer großen freiheitlichen Errungenschaften ist dann noch sicher? Jetzt kann, jetzt darf sich auch die Wissenschaft nicht mehr raushalten. Das ist vielen wohl auch bewusst geworden – daher der “March for Science”, der gestern an verschiedenen Orten der Welt stattfand. Und ich möchte auch mehr tun, aktiv werden. Deshalb beteilige ich mich in meinem Stadtteil an einer Initiative: “Berg am Laim für Demokratie, Freiheit & Europa.” (Weil man nie zu klein ist, große Werte zu vertreten – wer Lust hat, in den ersten – bisschen pathetisch geratenen – Programmentwurf zu schauen, der klicke hier). Aber nicht nur Aktivität nach außen ist nötig, auch nach innen hin muss ich immer wieder meine Gedanken ordnen – weil: einfach ist das ja alles nicht. Also versuche ich hier mal, sechs (politische?) Thesen zur Frage zu entwickeln: was in der derzeitigen Diskussion möglicherweise falsch läuft. Mehr lesen

Mein Seminar in Kritischer Theorie, Teil 2: zur Stellung der Macht

Im vergangenen Semester habe ich in meinem Kurs zur Kritischen Theorie gemeinsam mit den Studierenden die „Dialektik der Aufklärung“ (DdA) von Max Horkheimer und Theodor Adorno gelesen (hierDdA eine kurze Zusammenfassung zentraler Grundgedanken des ersten Teils, die sich aus dem Seminar heraus ergeben hat). Das war durchaus als Experiment gedacht – nicht nur für die Studierenden, sondern auch für mich: wie viel und wie weit kann ich etwas mit diesem Text anfangen? Viel, hat sich herausgestellt, sehr viel. Es gibt ja solche Texte, bei denen man beim Lesen aus dem Denken nicht mehr rauskommt. Das dauert dann zwar, weil Denken halt immer dauert. Dafür ist es wahnsinnig befriedigend. Aber intellektuelle Befriedigung ist eitel und flüchtig, weshalb ich mich jetzt an meine eigene Hausaufgabe für das Seminar setze und Gedanken (wenn auch kurz, so doch schriftlich), der mir als zentral erscheint, reflektiere: die Stellung der Macht in der “Dialektik der Aufklärung”.
Mehr lesen