Demokratische Theorie und demokratische Praxis.

Eine Einladung zur Reflexion

Vortrag gehalten auf der Tagung “Die Fabrikation von Demokratie” am 6. Dezember 2019 in Duisburg.

Einleitung

Die gängigen Theorien der Demokratie befinden sich nicht auf der Höhe der Zeit. So lautete eine der Grundthesen im Aufruf zur Beteiligung an dieser Tagung. Zwar wird weltweit um neue Konzepte und Verfahren gerungen, um die Demokratieentwicklung praktisch voranzutreiben – bisher haben wir ja bereits einiges über entsprechende Versuche gehört: Beteiligungsverfahren, partizipative Ansätze, Mini Publics. Wer dabei aber noch nicht recht mitzuziehen scheint, das sind eben die Theorien. So kann man zumindest die Position der Organisator*innen im Call for Papers zur Tagung verstehen, ich zitiere:

„Viele dieser Praktiken lassen sich […] innerhalb der gewohnten Zugänge empirischer Demokratieforschung, die Demokratie als vorgängige Ordnung konzeptualisiert […], nicht erfassen.“

In diesem Zitat (das ich hier möglicherweise etwas überstrapaziere, was mir hoffentlich verziehen wird) ist eine starke These enthalten. Es ist dies eine These zum Verhältnis von demokratischer Theorie und demokratischer Praxis. Um dieses Verhältnis wird sich mein Vortrag drehen.

Die These also lautet, dass die üblichen Arten und Weisen, Demokratie zu denken, mit der demokratiepraktischen Fortentwicklung bzw. mit den innovativen Praktiken der Demokratisierung nicht Schritt gehalten haben. Es scheint, als wäre es nun die Aufgabe der Demokratietheorie, endlich aufzuholen um so den – weit fortschrittlicheren – Stand des praktischen Wissens über Demokratie zu erreichen. Ich lege meinem Vortrag diese These als Leitfrage zugrunde. Hinkt also die alte Theorie der neuen, innovativen Praxis hinterher?

Von zwei Richtungen her werde ich diese Frage im Laufe meines Vortrags mit „nein“ beantworten. Nicht etwa, weil ich nicht auch der Meinung wäre, dass es in Bezug auf unser Verständnis von Demokratie noch einiges an theoretischer Arbeit zu leisten gilt. Sondern weil ich der Meinung bin, dass die obige These die tatsächlichen Herausforderungen, denen sich auch die vielversprechende Arbeit an konstruktivistischen Theorien der Demokratie stellen muss, noch nicht ganz adäquat erfasst. Diese Herausforderungen liegen aus meiner Sicht nicht so sehr im einseitigen Hinterherhinken der Theorie begründet. Sondern, viel allgemeiner, in den Untiefen des Verhältnisses zwischen demokratischer Theorie und demokratischer Praxis.

  1. Die Persistenz tradierter Vorstellungen von Demokratie und ihre nicht-intendierten Nebenfolgen

Wie verhält es sich also: Hinkt die alte Theorie der neuen, innovativen Praxis tatsächlich meilenweit hinterher? Mein erstes „nein“ als Antwort auf diese Frage lässt sich, recht klassisch, mit Theodor Adorno begründen. Denn eine solche Gegenüberstellung von altem Denken und neuem Handeln suggeriert, dass im Hinblick auf die Demokratieentwicklung Theorie und Praxis in starkem Maße auseinandergedriftet sind. Wenn das so ist, dann wäre allerdings zu vermuten, dass die Innovativität einer von Theorie entfremdeten Praxis drastisch überschätzt wird. Zumindest käme wohl Adorno zu diesem Ergebnis. Denn eine Emanzipation vom „Bann“ des zu überwindenden gesellschaftlichen Status quo (in unserem Fall: einer noch nicht vollständig demokratisierten Gesellschaft) ist aus seiner Sicht nur im – paradoxen – Zusammenspiel von Theorie und Praxis möglich. Er schreibt:

„Desparat ist die Dialektik, daß aus dem Bann, den Praxis um die Menschen legt, allein durch Praxis hinauszugelangen ist, daß sie aber einstweilen zwangshaft als Praxis am Bann verstärkend mitwirkt, dumpf, borniert, geistfern. […] Das nicht Bornierte wird von Theorie vertreten. Trotz all ihrer Unfreiheit ist sie im Unfreien Statthalter der Freiheit.“ (Adorno 1969: 4)

Gesellschaft, soll das heißen, lässt sich nur praktisch verändern, aber die reine Praxis allein wird nie über den gesellschaftlichen Status quo hinausführen können, sie ist immer in ihm befangen. Dazu brauchen wir Theorie. Das gilt auch für Praktiken der Demokratisierung: Auch sie sind auf Modelle angewiesen, und wo diese Modelle nicht explizit theoretisch neu entwickelt werden, liegt der Verdacht nahe, dass sie eben doch Ausfluss des Gegebenen sind – dass sie also den Status quo fortschreiben statt ihn zu verändern. Tatsächlich wäre dies meine erste Gegenthese: Dass auch die neuen Praktiken noch durch Schranken begrenzt sind, die herkömmliche demokratietheoretische Prämissen unserem Denken auferlegen.

Worin eine dieser zentralen Schranken besteht hat, wie ich finde, niemand schöner auf den Begriff gebracht als Gerard de Vries. In einem Aufsatz von 2007 merkt de Vries an, dass demokratische Politik bis in die jüngsten Versuche der Ausweitung demokratischer Praktiken hinein von einer Vorstellung von Demokratie angeleitet wird, die unlösbar mit Schlüsselkonzepten der Moderne verknüpft sind. Allen voran meint er damit das Konzept des souveränen Subjekts, das aus heutigen Demokratiemodellen – seien sie nun auf Präferenzen und Interessen konzentriert oder deliberativ angelegt – nicht wegzudenken ist. De Vries schreibt:

“the citizen is conceived, like the monarch of the old days, as someone with preferences, interests, aims and plans. The citizen is thus conceived as a kind of ‘mini-king’ and politics is conceived in terms of a community of mini-kings” (De Vries 2007: 791)

Bürger*innen, so meint also de Vries, werden zu sehr als die Demokratie fundierenden Entitäten begriffen und zu umfassend mit unhintergehbarer Dignität ausgestattet. Eines der Erkenntnishindernisse, dem gegenwärtige Demokratietheorien entsprechend unterworfen sind, besteht in dieser zugrundeliegenden Vorstellung vom demos als „Gemeinschaft der Mini-Könige“. Als zentral stellt de Vries ein Problem heraus, das er entlang der klassischen philosophischen Unterscheidung von Subjekt und Objekt entwickelt. Ich zitiere ihn noch einmal:

„Rather than answering problems of democracy in terms of procedures that regulate the contributions of subjects (‚mini-kings‘), a theory of democracy will have to address the question of how in a democracy political objects can be constituted.“ (De Vries 2007: 807)

Anstelle des bisherigen Fokus auf Subjekte und deren Stellung im politischen Prozess sollten sich Demokratietheorien in Zukunft, nach Meinung von de Vries, auf die Frage konzentrieren, wie sich im politischen Prozess demokratische Objekte verfertigen lassen. Wie also zum Beispiel Interessen, Repräsentation oder Gemeinwohl erst im politischen Prozess selbst entstehen, statt ihm – mithilfe ihrer als unhintergehbar vorgestellten Träger*innen, den Subjekten – vorauszugehen. Die spezifischen Erkenntnisschranken, die der Praxis bisher auferlegt sind und die es zu beseitigen gälte, bestünden also in der Vorstellung von Demokratie als Herrschaft nicht so sehr des Volks, sondern der Volkssubjekte.

Nun setze ich mich selbst nicht nur mit Theorie auseinander, ich bin auch Empirikerin. Warum mir de Vries‘ Beschreibung so viel gesagt hat liegt wohl auch daran, dass mir Bürger*innen in meinen eigenen qualitativ empirischen Studien – etwa zu Parlamenten, zu politischen Professionellen und zu Manifestationen des Politischen im öffentlichen Raum – wiederholt im de Vries’schen Sinne als „Mini-Könige“ erschienen sind. Im Übrigen häufig gerade dort, wo die Möglichkeit zur demokratischen Mitwirkung besonders betont wurde oder wo sie sogar das Ziel der jeweiligen Interaktion bildete. In der öffentlichen Sitzung des Lokalparlaments etwa, in dem sich Besucher*innen empören, wenn andere Themen länger und früher diskutiert werden als das eigene. In Gesprächen mit Teilnehmer*innen von Demonstrationen, die ihre eigene Meinung absolut setzen. Bei städtischen Beteiligungsverfahren, bei denen Veranstaltungen kaum noch unter Kontrolle zu bringen sind, weil die Wut der Bürger*innen nicht nur im Falle von geplanten dramatischen Eingriffen in die Nachbarschaft eskaliert, sondern weil das ohne Weiteres auch im Falle von Baumfällungen, Straßenumbauten oder der Errichtung einer Flüchtlingsunterkunft vorkommen kann. Mit solchen Beobachtungen hebe ich natürlich bewusst besonders Fragwürdiges hervor. Dennoch treten in ihnen aus meiner Sicht gegenwärtige Tendenzen an die Oberfläche, mit denen man sich nicht nur kulturtheoretisch – wie etwa Andreas Reckwitz –, sondern auch politik-wissenschaftlich befassen muss: die Prävalenz des Subjektiven, die Überhöhung des Eigenen, die fehlende Perspektive für das Andere.

Ich teile also de Vries‘ Einschätzung zu den demokratietheoretischen Beschränkungen, die sich auch in gegenwärtigen Praktiken der Demokratisierung manifestieren. Widersprechen würde ich ihm jedoch bei der Frage nach dem Mechanismus, der zu einer solchen Beschränkung führt – also bei der Frage, wie es eigentlich, ausgehend von der Theorie, zur praktischen Absolutsetzung des souveränen Subjekts kommt. Denn man tut sicherlich bereits den klassischen Demokratietheorien Unrecht, behauptet man, sie würden dem demos als Gemeinschaft der Mini-Könige das Wort reden, eine solche Absolutsetzung also explizit enthalten oder gar intendieren. Der Mechanismus der Beschränkung ist aus meiner Sicht deutlich komplexer. Und mit diesem Stichwort kommt Adorno wieder ins Spiel.

Mit Adorno lässt sich vermuten, dass das hier skizzierte Problem kein einseitiges Theorieproblem ist, sondern dass der Blick sich erneut auf das dialektische Zusammenspiel von Theorie und Praxis richten muss. Denn ebenso wenig wie man etwa dem Aufklärer Immanuel Kant – dessen Vernunftbegriff Max Horkheimer und Theodor Adorno ja mit der Dialektik der Aufklärung in Verbindung bringen – vorwerfen kann, die faschistische Barbarei intendiert zu haben, genauso wenig lässt sich von den klassischen Demokratietheorien behaupten, sie hätten im Kern Undemokratisches enthalten. Das Problem entsteht erst durch die Vereinseitigung theoretischer Prinzipien in der Praxis: Erst, wenn neben der Vernunft nichts anderes mehr gilt, droht der Umschlag der Aufklärung in ihr Gegenteil. Und erst, wenn wieder und wieder und wieder und so gut wie ausschließlich die Relevanz der Bürger*innen und deren Wünsche, Interessen und Mitwirkung für die Demokratie betont wird, können Haltungen sich breit machen, die für sich zutiefst undemokratisch sind – eben jene Prävalenz des Subjektiven, die Überhöhung des Eigenen, die fehlende Perspektive für das Andere. In diesen nicht-intendierten Nebenfolgen zeigt sich der Nachhall tradierter Vorstellungen von Demokratie in den gegenwärtigen Praktiken der Demokratisierung. Damit komme ich zum zweiten Teil meines Vortrags.

  1. Die Innovativität herkömmlicher politischer Praxis und ihre demokratietheoretische Nichtberücksichtigung

Wieder gehe ich von der Frage aus: Hinkt die alte Theorie der Demokratie der neuen, innovativen Praxis hinterher? Im ersten Teil hatte ich vor allem Zweifel geäußert daran, dass neuere demokratische Praktiken als uneingeschränkt innovative Praktiken betrachtet werden können. Mithilfe der Unterstützung von Bruno Latour möchte ich nun zur Diskussion stellen, ob wir einer anderen Quelle potentieller demokratischer Innovation nicht viel zu wenig Aufmerksamkeit schenken, ob wir sie nicht vielleicht sogar schlichtweg übersehen: die herkömmliche politische Praxis nämlich, wie sie sich beispielsweise in Parlamenten abspielt. Zur Diskussion steht also, ob nicht nur die Innovativität neuerer Praktiken überschätzt, sondern ob nicht vielleicht auch die Innovativität herkömmlicher, alltäglicher politischer Praxis unterschätzt wird. Oder anders gefragt: Was können wir demokratietheoretisch von der herkömmlichen politischen Praxis lernen?

Diese Frage wird auf viele vielleicht überraschend, auf einige möglicherweise sogar geradezu absurd wirken. Sind es nicht genau die vielfach ausgemachten Probleme der herkömmlichen politischen Praxis, die uns nach neuen demokratischen Formen suchen lassen? Die öffentliche Einstellung gegenüber Politik im Allgemeinen und Politiker*innen im Speziellen zumindest würde in diese Richtung deuten. Denn das Ansehen des institutionalisierten politischen Prozesses ist seit Jahrzehnten im Sinken begriffen, Politiker*innen rangieren in der öffentlichen Meinung ganz weit unten, generell gilt Politik häufig als schmutziges Geschäft, in das man lieber nicht verwickelt wird. Aber ist diese Einhelligkeit nicht bemerkenswert? Als Sozialwissenschaftler*innen werden wir ja schnell skeptisch, wenn die Meinung zu einer Sache gar zu einmütig ausfällt. Ich möchte daher zur Diskussion stellen, ob nicht die Missachtung gegenüber Politiker*innen und institutionalisierter Politik im Sinne Pierre Bourdieus als „doxa“ zu begreifen ist – als problematisch verfestigte Sichtweise also, die nicht hinterfragt wird und kaum anders denkbar ist. Unser am demokratietheoretischen Stand des 18. und 19. Jahrhunderts geschultes Denken lehnt sich möglicherweise immer noch recht reflexhaft gegen „die da oben“ auf.

In einem Aufsatz von 2003 setzt sich Bruno Latour mit dieser „fundamentalen Enttäuschung“ (Latour 2003: 145) dem Politischen gegenüber auseinander. Doch für ihn ist es nicht die Politik selbst – mit der für sie typisch fehlenden Geradlinigkeit und Unvollkommenheit –, die das Problem darstellt. Für Latour sind die Gründe für die umfassende Unzufriedenheit mit dem Politischen, ähnlich wie für de Vries, in den theoretisch etablierten Vorstellungen desselben zu suchen. Es ist also nicht die institutionalisierte Politik, es sind nicht unbedingt die Politiker*innen selbst, die problematisch sind. Auch für Latour sind es die unsere Wahrnehmung anleitenden, ihrem Gegenstand nicht adäquaten Konzepte des Politischen (Brichzin 2020). Während allerdings de Vries, wie gezeigt, die Quelle für die Fehlwahrnehmung des Politischen in der Vorstellung von Demokratie als Herrschaft der Volkssubjekte verortet hatte, fokussiert Latour etwas anders. Er betont vor allem die irreleitende Vorstellung von Demokratie als Herrschaft durch Deliberation. Wie sich recht leicht erkennen lässt, hängen beide Richtungen der Kritik dennoch eng zusammen: Sowohl die Betonung der Zentralstellung des Subjekts als auch der Versuch der Fundierung gelungener Sozialität in Rationalität sind Kernideen der Moderne, die sozialwissenschaftlich schon vielfach hinterfragt und kritisiert worden sind. Verstärkt ist dies nun eben auch innerhalb der Demokratietheorie der Fall.

Das Problem, das Latour ausmacht, besteht also darin, dass das deliberative Modell von Demokratie dem Denken einen Urteilsmaßstab zugrunde legt, der der Praxis des Politischen schlichtweg nicht angemessen ist. Er stellt fest: Politik „is always evaluated by other forms which do not understand it“ (Latour 2003: 145). In der Vorstellung Latours stehen sich also nicht so sehr demokratische Theorie und demokratische Praxis gegenüber. Demokratische Theorie steht vielmehr der politischen Praxis entgegen: Latour kritisiert ein Konzept von Demokratie ohne Politik, ein Konzept, das demokratische Praxis ohne politische Praxis denkt. Abstrakter gesprochen entsteht hier das Problem, anders als im vorhergehenden Teil der Argumentation, nicht so sehr dadurch, dass wir uns der Wechselwirkungen zwischen Theorie und Praxis nicht bewusst sind, die potentiell nicht-intendierte Nebenfolgen hervorbringen können. Das Problem entsteht in diesem Fall dadurch, dass man sich nicht klar genug gemacht hat, mit welcher Theorie und welcher Praxis, mit Theorie und Praxis von was man sich eigentlich gerade auseinandersetzt – und was man dabei möglicherweise ausschließt.

Was übersieht gängige Demokratietheorie also nach Latour? Eine Vorstellung von Demokratie als einem rationalen und damit stringenten, kohärenten, geradlinigen Prozess verkennt seiner Ansicht nach die produktive Qualität des Politischen, das notwendig sprunghaft, wechselhaft, vor allem aber: nicht geradlinig verläuft. Letztlich begreift Latour, jene produktive, welterzeugende Qualität von Politik im Blick, das Politische als eine Form der „progressive composition of the common world“ (Latour 2007: 37): Politik erzeugt Welt, anstatt sie einer rationalen Ordnung zu unterwerfen. Diese Sichtweise resoniert interessanterweise – und damit kommen wir zum Blick auf die herkömmliche politische Praxis – auch in den Darstellungen professioneller Politiker*innen, deren Perspektive auf das eigene Tun wir aus meiner Sicht ernster nehmen sollten, als dies bisher der Fall ist. Danach gefragt also, warum sie sich eigentlich für politische Arbeit entschieden haben, warum sie auch die damit verbundenen Anstrengungen und Anfeindungen auf sich nehmen, antworten Politiker*innen, in den Beispielen sind es Bürgermeister*innen, regelmäßig folgendermaßen:

„Aber letztlich ist der innere Antrieb eigentlich, sind wirklich so diese Projekte wo man einfach was Bleibendes gestalten kann.“

„Und nachdem es auch wirklich eine schöne Aufgabe ist. Also man kann ja da echt was gestalten.“

„Ähm du hast das zu gestalten, das ist einfach das Schöne. Und dass man so sagen kann, ich habe jetzt einfach die Position, ich kann etwas machen.“

Auch aus der Sicht der Praktiker*innen selbst erscheint der politische Prozess also nicht vor allem als Diskussions- und Deliberationsgeschehen, sondern als gestalterisch vorgestellten Prozess der Transformation des Gegebenen.

Wie aber sehen Konzepte aus, die demokratische Praxis auch tatsächlich als politische Praxis denken können? Voraussetzung für eine Antwort auf diese Frage ist aus meiner Sicht, noch viel genauer zu verstehen: womit es politische Akteure tagtäglich zu tun bekommen, worum sie kämpfen, welche Leistungen sie erbringen, woran sie scheitern. Dabei geht es nicht darum, die bestehende Praxis zu sanktionieren. Aber das Verständnis der bestehenden politischen Praxis ist Voraussetzung für eine adäquatere Vorstellung auch in Zukunft tragfähiger Praktiken von Demokratie.

Auf welche Aspekte herkömmlicher politischer Praxis wir unseren Blick aus meiner Sicht richten müssten, kann ich an dieser Stelle nun nur noch kurz andeuten. Das Wichtigste, wie mir scheint: Viele der Besonderheiten professioneller politischer Praxis lassen sich verstehen, wenn man sich klar macht, dass diese Praxis in den allerseltensten Fällen nur mit einem einzelnen Thema hantiert. (Viele aktuelle Praktiken der Demokratisierung – vom Volksentscheid bis zu den Mini Publics – sind hingegen gerade auf ein einzelnes Thema ausgerichtet.) Eine parlamentarische Abgeordnete etwa schildert ihren Alltag im Interview, sehr typisch, folgendermaßen:

„Wenn ich mir so einen Tag anschaue, dann gehe ich in eine Schule, rede mit den Lehrern. Eine Stunde später sitze ich bei einem Großkonsortium Unternehmen X, keine Ahnung. Danach gehe ich in einen Wald und schaue mir den neuen Waldweg an. Fahr danach zur Umgehungsstraße, und dann gehe ich zu Hr. Jöpp, weil er die Besprechung der Frauen hat, wo es darum geht, wie wir mehr Frauen gewinnen. Also, ja? Die Themen, also – schwierig finde ich eher die Schnelligkeit, wie wir umschalten müssen, ein komplett anderes Thema. Das ist das Schöne. Also es ist das Schöne, es macht das – genau deswegen macht es so viel Spaß. Und, das ist das Anstrengende, sich sofort zu switchen“

Diese Schilderung gibt einen guten Einblick in den typischen parlamentarischen Rhythmus – Parlamentarier*innen bewegen sich (man könnte auch sagen: sie hetzen) im Takt der Themen. Das aber ist eben der entscheidende Punkt: Professionelle politische Praxis wird in aller Regel nicht darin bestehen, sich intensiv mit nur einem Thema zu beschäftigen. Nur wenn das der Fall wäre, ließe sich Demokratie als Deliberation adäquat begreifen – welches Thema nun den Vorrang vor den anderen haben soll lässt sich nicht vollständig rational aushandeln, das ist eine Frage der Sichtweise auf die Welt. Auch ist diese Mehrdimensionalität politischer Praxis in der Sachebene kein Defizit, das es erlauben würde, an der Deliberation zumindest als (einziges) Ideal demokratischer Praxis festzuhalten. Im Gegenteil: Nicht selten kommen produktive Momente des politischen Prozesses gerade durch solche Multidimensionalität zustande – durch die unerwartete Verknüpfung sehr verschiedener Momente und sehr verschiedener Akteure in der politischen Praxis. Und aus der Flexibilität der Akteure, die dadurch entsteht, dass sie nicht nur die Themen, sondern dass sie auch sich „selbst“ im politischen Prozess ständig „switchen“ müssen. Hier ist aus meiner Sicht nach der Innovativität der herkömmlichen politischen Praxis zu suchen: Wie und wann es den Akteuren gelingt, sich auf demokratische Weise im multidimensionalen Raum der politischen Themen zu bewegen.

  1. Abschließende Überlegungen zu den Konsequenzen für die Entwicklung neuer Konzepte von Demokratie

Vieles von dem, was bis hierher als problematisch thematisiert wurde, wird bereits von konstruktivistischen bzw. performativen Theorien der Demokratie – die bei dieser Tagung ja eine große Rolle spielen – in Angriff genommen: Sie nehmen Demokratie als Politik ernst und wenden sich dem Prozess der konkreten Formation demokratischer Objekte zu, anstatt vor allem die Notwendigkeit zur Beteiligung der Volkssubjekte zu betonen, zu untersuchen und anzumahnen. Dazu entwickeln solche Theorien konsequent anti-essenzialistische Zugänge, die das Ergebnis demokratischer Verfahren weder aus der Summation der Einzelnen heraus antizipieren noch strikt deliberativ ableitbar machen wollen. Sie suspendieren also die theoretische Orientierung an den modernen Kernkategorien von Subjektivität und Rationalität. Stattdessen lassen sie sich auf die Emergenz demokratischer Objekte in politischen Situationen ein. In Wechselwirkung mit der demokratischen Praxis können solche Theorien zur weitergehenden Demokratisierung der Gesellschaft beitragen.

Vor dem Hintergrund der vorangegangenen Überlegungen möchte ich für dieses Unternehmen allerdings dreierlei zu bedenken geben.

Erstens: Politische und insbesondere demokratische Praxis kann nicht eindimensional als Prozess der Verfertigung nur eines demokratischen Objekts gedacht und konzipiert werden. Bleibt man bei der Vorstellung von Demokratie als Herrschaftsform auf der Basis der Multiplizität von Welt, so wird man nicht umhinkommen, auch den politischen Prozess als mehrdimensionales Fabrikationsgeschehen zu begreifen.

Zweitens: Wie auch die Theorie-Praxis-Unterscheidung – da haben wir wieder Adorno – so lässt sich auch die Subjekt-Objekt-Unterscheidung nicht dadurch unterlaufen, dass man fortan theoretisch nur noch für eine der beiden Seiten der Unterscheidung optiert. In der Empirie, die hier nur sehr oberflächlich angeklungen ist, deutet sich an, dass gerade die Frage nach der Subjektkonstitution – sowohl der Bürger*innen als auch der Politiker*innen – interessante Einsichten verspricht. Zumindest, wenn man auch sie so konsequent anti-essenzialistisch angeht wie die Frage nach der Objektkonstitution.

Und damit schließlich drittens: Auch wenn auf diese Weise einmal mehr für eine anti-essenzialistische Herangehensweise an die Fragen der Demokratie plädiert wird, sollte man sich doch auch zugleich der Grenzen der immer weitergehenden Ent-Essenzialisierung der Betrachtung bewusst sein. Wollen wir die vielfältigen Einsichten konstruktivistischer Forschung in den politischen Prozess fruchtbar machen, so können wir uns nicht nur auf das Aufdecken der Unbestimmtheit des Demokratischen beschränken – wir werden auch sehr konkrete (und damit immer anfechtbare) Bestimmungen vornehmen müssen. Denn sonst droht, was nach Adorno jeder Form von Vereinseitigung droht, und so eben auch der fortlaufenden Ent-Essenzialisierung: die Verkehrung in ihr Gegenteil – Offenheit schlägt in Fixierung um, das anti-essenzialistische Bewusstsein für die Multiplizität von Welt wandelt sich, als nicht-intendierte Nebenfolge, in eine Apologie beliebiger Repräsentationen. Demokratie lässt sich dann nicht mehr gegen Undemokratisches verteidigen.

 

 

Literatur:

Adorno, Theodor (1969): Marginalien zu Theorie und Praxis. http://bildungskollektiv.blogsport.de/images/Marginalien_Text.pdf, abgerufen am 25.11.2019.

Brichzin, Jenni (2020): Materializations through political work. Social Studies of Science.

De Vries, Gerard (2007): What is political in sub-politics?: How Aristotle might help STS. Social Studies of Science 37(5), S. 781-809.

Latour Bruno (2007): Turning around politics: A note on Gerard de Vries’ paper. Social Studies of Science 37(5): 811-820.

Latour Bruno (2003): What if we talked politics a little? Contemporary Political Theory 2(2): 143-164.

Ein Gedanke zu „Demokratische Theorie und demokratische Praxis.

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