Begriffe. Vernachlässigte Werkzeuge der Theoriebildung? Ein Aufruf zur Debatte

Call for Abstracts zur
Sektionstagung der DGS-Sektionen
‘Soziologische Theorie & Politische Soziologie

Termin: 3./4. März 2022

Ort: Universität der Bundeswehr München

Organisation: Dr. Fabian Anicker (Universität Münster) | Dr. Jenni Brichzin (Universität der Bundeswehr München) | Prof. Dr. Thomas Kern (Universität Bamberg)

Impulsvorträge: Prof. Dr. Eva Barlösius | Prof. Dr. Clemens Kroneberg | Prof. Dr. Armin Nassehi

In der politischen Öffentlichkeit wird seit einiger Zeit intensiv über Begriffe gestritten. Egal ob es um das „generische Femininum“, den Begriff der „Rasse“ oder die adäquate sprachliche Repräsentation von Genderidentitäten geht – überall lässt sich eine erheblich gesteigerte Sensibilität für begriffliche Gehalte und ihre inferenziellen und konnotativen Implikationen feststellen. Fast ist man deshalb geneigt, der Soziologie ein Reflexionsdefizit gegenüber ihrem Gegenstand zu bescheinigen, ist es doch dort eher still geworden um das Thema „Begriffe“. Zwar sind auf der Objektseite soziologischer Forschung Diskurse und ihre Begriffe ein wichtiger Gegenstand der Forschung, aber die Frage nach den Begriffen, mit denen die Soziologie selbst ihre Gegenstände konstituiert und wann neue Gedanken neue Begriffe erfordern, ist immer mehr an den Rand des fachlichen Relevanzspektrums gedrängt worden.

Damit ist nicht gemeint, dass es dem Fach an begrifflichen Neuschöpfungen mangele – im Gegenteil drängt sich gelegentlich der Eindruck auf, dass die Praxis der soziologischen Begriffsbildung streckenweise den Charakter einer Art von „Überbietungswettbewerb“ im Erfinden möglichst origineller Bezeichnungen angenommen hat –, sondern dass eine systematische und paradigmenübergreifende Reflexion darüber fehlt, welche Rolle Begriffe in der Praxis soziologischer Theorie spielen und spielen sollten und in welchem Verhältnis Begriff und Gegenstand stehen. Ziel der Tagung ist es daher, in der Soziologie eine neue Debatte über Begriffe anzustoßen.

Ein geeigneter Rahmen, dieses Problem zu adressieren und das Thema wieder systematisch aufzugreifen, könnte die von Richard Swedberg und anderen unter dem Stichwort „Theorizing“ angestoßene Diskussion über die Praxis soziologischer Theoriebildung sein (Swedberg 2014a, 2014b). Dieser Versuch, eine Selbstverständigung des Faches über die Methoden, Kunstgriffe und Werkzeuge anzustoßen, mit denen sich Theorien ausarbeiten und weiterentwickeln lassen, sollte allerdings insbesondere in zweierlei Hinsicht breiter angelegt werden. Während Swedberg seine Bemühungen stark auf die theoretische Kreativität und damit die (Er-)Findung neuer Begriffe konzentriert, sollte eine neue Begriffsdebatte dem Zielkonflikt zwischen Innovation und Konvention Rechnung tragen. Während die Kreation neuer Begriffe oftmals nötig ist, um überkommene Denkweisen zu überwinden, gibt es andererseits ein berechtigtes Interesse an einer gemeinsamen fachlichen Verständigungsbasis, die durch eine laufende „Inflation der Worte“ (Münch 1991) untergraben werden kann.

Weiterhin ist in der bisherigen Theorizing-Diskussion ein stark an der qualitativen und quantitativen empirischen Forschungspraxis orientiertes Verständnis von Theoriebildung vorherrschend, wonach neue theoretische Konzepte nahezu ausschließlich aus der Reflexion auf empirische Umstände entstehen – für Swedberg sind Begriffe ein empirisch veranlasstes Resultat abduktiver Fantasie. Aber zweifellos müssen neue Begriffe nicht zwingend als Namen für neue, bzw. neu erschlossene Phänomene eingeführt werden. In vielen Theorietypen (etwa allgemeinen Sozial- und Gesellschaftstheorien) beziehen sich begriffliche Innovationen nicht auf Phänomene, sondern auf eine theoretische Systematik; Begriffe werden weniger mit Bezug auf partikulare empirische Gegenstände, sondern stärker auf die Leistungsfähigkeit eines ganzen Systems von Begriffen für die Erschließung eines umfassenden Gegenstandsbereichs hin entworfen.

Wir möchten daher bei prinzipiellem Anschluss an die Theorizing-Diskussion die Debatte in Richtung einer allgemeinen Auseinandersetzung über die Rolle und Relevanz von Begriffen in soziologischen Theorien weiterentwickeln. Dabei stellen sich mehrere Fragen, etwa: Was leisten Begriffe für die Praxis soziologischer Forschung? Wie setzen sie Theorie und Gegenstand in Bezug? Was könnten Methoden, aber auch Qualitätskriterien und Standards der Begriffsbildung sein?

In ihrer Fachgeschichte hat die Soziologie häufig an philosophische Debatten angeschlossen, um derartige Fragen zu bearbeiten. Breitenwirksam importiert wurden dabei vor allem Gegensatzpaare mit Polarisierungspotenzial wie Nominalismus/Essenzialismus, Realismus/Konstruktivismus, Empirismus/Rationalismus oder Positivismus/Kritik. Zweifellos kann es überaus lohnend sein, an die diesbezüglich ausdifferenzierteren, aber weniger gegenstandsorientierten Diskussionskontexte der Philosophie anzuknüpfen. Als stärker binnensoziologische Debattentradition ist an die Diskussion um den „Theorienvergleich in den Sozialwissenschaften“ (Hondrich/Matthes 1978) zu erinnern, die in den 1970er Jahren zur Gründung der DGS Sektion Soziologische Theorie führte. Auch in diesem Fall war es um ein systematisches Ausloten theoretischer Möglichkeitsräume gegangen, und dieses Ansinnen greift die Tagung auf. Zu vermuten steht jedoch, dass das Begriffsverständnis der meisten Soziolog:innen weniger von epistemologischen bzw. methodologischen Grundsatzdebatten als von den Erfordernissen ihrer eigenen Forschungspraxis und ihres jeweils favorisierten Theorietypus (siehe Abend 2008) abhängen. Debatten darüber, ob der Gegenstand den Begriff oder der Begriff den Gegenstand prägt, Begriffe ihren Gegenstand nur durch selektive Übertreibung erschließen (Weber 1985) oder notwendig verfehlen (Adorno 1970), ob Substanz- oder Funktionsbegriffe erstrebenswert sind (Cassirer 1923) oder repräsentationalistische Vorstellungen der ‚Passung‘ von Begriff und Wirklichkeit durch ein pragmatistisches, performatives oder dekonstruktivistisches Verständnis des Begrifflichen zu ersetzen sind – all diese Debatten gewinnen ihre soziologische Relevanz erst in den Konsequenzen, die solche Meta-Reflexionen haben: für die Praxis der soziologischen Theoriebildung, aber möglicherweise eben auch für gesellschaftliche und politische Praxis.

Doch auch wenn eine Rückbesinnung auf „die“ Praxis soziologischer Theoriebildung Differenzen im Verständnis des Begrifflichen sicherlich nicht zum Verschwinden bringen wird, könnte es hilfreich sein, Beiträge zum Thema nicht ausschließlich auf Reflexionstheorien des Begrifflichen, sondern auch auf die eigene Forschungspraxis zu beziehen. Eine Hoffnung für die Tagung wäre, dass sich zwischen den verschiedenen „Sprachgemeinschaften“ und Traditionen der Soziologie mehr geteiltes praktisches know how und gemeinsame Maßstäbe bei der Begriffsbildung entdecken lassen, als die bloße Gegenüberstellung von Grundpositionen zunächst vermuten lässt. Ist nicht etwa Bruno Latours (als Kritik am Essenzialismus entwickeltes) Plädoyer für die Verwendung stets wechselnder, abstrakter, „strikt bedeutungslos[er]“ (Latour 2010: 54) Begriffe von ganz ähnlichen Überlegungen geleitet wie nominalistische Ansätze in der Tradition Karl Poppers (Popper 1979)? Besteht tatsächlich ein „Wahlzwang“ – oder womöglich sogar eine grundsätzliche Unvereinbarkeit – zwischen der theoretischen und empirischen Arbeit an soziologischen Begriffen? Diesem Ansinnen der Verständigung und des konstruktiven Streitens folgend sind Vorträge zur Theorie, Praxis und zu den Standards soziologischer Begriffsbildung willkommen. Auf dieser Basis soll die Tagung dazu beitragen, die Debatte über Theoriebildung („Theorizing“) auch in Deutschland noch weiter voranzutreiben.

Wir bitten um aussagekräftige Abstracts (bis 350 Wörter) in deutscher oder englischer Sprache bis zum 1. November 2021 an die Adresse begriffe@gmx.de. Die Tagung findet in München als Präsenzveranstaltung statt. Die Begutachtung der Abstracts erfolgt bis zum 1. Dezember 2021. Die Veröffentlichung eines Sonderhefts bzw. eines Tagungsbandes auf der Grundlage der Tagungsbeiträge ist geplant. Das gesundheitsbezogene Sicherheitskonzept vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie wird rechtzeitig vor Beginn der Tagung bekannt gegeben.  

Literatur:

Abend, Gabriel (2008): The Meaning of ‘Theory’. Sociological Theory 26 (2), S. 173–199.

Adorno, Theodor (1970): Negative Dialektik. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Cassirer, Ernst (1923): Substanzbegriff und Funktionsbegriff. Untersuchungen über die Grundfragen der Erkenntniskritik. Berlin: Felix Meiner.

Hondrich, Karl Otto; Matthes, Joachim (1979): Theorienvergleich in den Sozialwissenschaften. Darmstadt & Neuwied: Luchterhand.

Latour, Bruno (2010): Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft: Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Münch, Richard (1991): Dialektik der Kommunikationsgesellschaft. Frankfurt: Suhrkamp.

Popper, Karl R. (1979): Das Elend des Historizismus. Tübingen: Mohr.

Swedberg, Richard (2014): The Art of Social Theory. Princeton and London: Princeton University Press.

Swedberg, Richard (Hg.) (2014): Theorizing in social science. The context of discovery. Stanford, Calif.: Stanford Social Sciences.

Weber, Max (1985): Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen: J. C. B. Mohr.

 

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