Mein Seminar in Kritischer Theorie, Teil 1: Lernen durch Zumutung

Im vergangenen Semester habe ich in meinem Kurs zur Kritischen Theorie gemeinsam mit den Studierenden die “Dialektik der Aufklärung” (DdA) von Max Horkheimer und Theodor Adorno gelesen. Das war durchaus als Experiment gedacht – die übliche Reaktion der KollegInnen, denen ich vorab von meinem Vorhaben erzählt habe, war dann auch ein entgeistertes: “Was, mit BachelorstudiDdAerenden?!” Aber was soll ich sagen: das Experiment ist gelungen, das Seminar war wirklich toll – eines der schönsten, das ich bisher gehalten habe. Und dass es so toll war, sagt aus meiner Sicht etwas darüber aus, was Lehre leisten sollte. Ich habe mir gedacht, dazu mache ich mir ein paar schriftliche Gedanken.

Seit ich Dozentin bin, höre ich sehr oft und sehr viele Beschwerden über die Studierenden (derzeit aber doch besonders viele…). Neben Polemiken, die sich nicht scheuen, die Worte Faulheit und Dummheit in den Mund zu nehmen, dominiert vor allem eine Kritik: die Studierenden seien nur noch instrumentell am Studium orientiert. Es ginge ihnen also gar nicht (mehr?) um das Lernen an sich, sondern nur noch um die “Credit-Points”, die sie damit abgreifen können. Ich konnte dieser pauschalen Aussage schon immer wenig abgewinnen – zum Teil, weil ich halt in der Regel einer chronisch positiven Sicht auf die Dinge erliege (außer bei Donald Trump – obwohl: mobilisierender Abschreckungseffekt für Europa… ach, kommen wir nicht vom Thema ab…) zum Teil, weil man doch in wohl fast jedem Seminar sieht, dass das so einfach nicht stimmt: warum sollte irgendjemand auch nur einmal den Finger in einem Kurs rühren und zumindest gelegentlich mitdiskutieren, wenn es dabei rein um den geringsten Aufwand ginge? Die “instrumentelles-Lernen-Theorie” zumindest kann das nicht erklären.

Noch viel weniger kann sie mir erklären, a) warum die Studierenden in meinem DdA-Kurs nicht einfach irgendwann aufgehört haben zu kommen (Anwesenheitspflicht zumindest gab es keine), und b) warum sie sich immer weiter mit einem Text abgemüht haben, von dem sie – ich habe das mehrfach abgefragt – am Anfang in großer Mehrheit praktisch nichts, gar nichts, verstanden haben bzw. nur die einzelnen Wörter (und gelegentlich noch nicht einmal die – ich sage nur “Epopöe”…). Die Antwort auf diese Fragen ist so banal naheliegend, dass ich gelegentlich belächelt werde, wenn ich sie als These in den Raum stelle: denken, und im Denken die Kapazität der eigenen Gedanken erfahren, das ist ein super Gefühl, total befriedigend. Auch für diese Studi-Generation. Das Problem ist: das wissen die jungen Leute in der Regel noch nicht. Weil sie meistens noch nicht mit Texten in Berührung gekommen sind, die ihrem Denken so offensichtlich Hürden in den Weg stellen wie die DdA. Und wenn doch, dann war da wahrscheinlich niemand, der ihnen beim Überwinden dieser Hürden hätte zur Seite stehen können. Dann rennen sie gegen Worte wie gegen eine Mauer. Das haben die Leute in meinem Kurs nämlich auch gesagt: allein hätten sie einfach ziemlich bald aufgegeben, das Buch vielleicht als typisches Philosophen-Soziologen-Geschwalle abgetan. So aber konnten sie die Erfahrung machen: wenn ich im Kurs bin, mitdiskutiere, Fragen stelle und den KommilitonInnen und der Dozentin zuhöre, dann lichtet sich das Dickicht der Worte. Sinn wird erreichbar. So banal das klingt: die Leute sind dabeigeblieben, weil sie hinterher mehr verstanden haben als vorher. Das hat ihnen gefallen.

Ich selbst nehme aus dieser Erfahrung vor allem die Erkenntnis mit: die Studierenden brauchen Zumutungen. Ich muss ihnen die Gelegenheit geben, echte Hürden zu überwinden, aber ich muss sie dabei begleiten. Muss erklären, konstextualisieren, ausbuchstabieren, Verknüpfungen herstellen. Das ist anstrengend, weil schwierige Texte ja nicht dadurch auffallen, dass sie umgekehrt proportional leicht zu erklären wären. Aber es gibt halt nur zwei Wege: entweder, man nutzt die Zuschreibung von Blödheit, um sich selbst das anstrengende Geschäft des Erklärens nicht zumuten zu müssen. Oder man mutet es sich doch zu und lernt dabei mit – noch so eine naiv-idealistische Idee: das Zusammenspiel von Forschung und Lehre. Unter den Rahmenbedingungen der Lehre in Deutschland ist das gar nicht einfach. Aber allemal befriedigender, als sich in der Rolle des Miesepeters einzurichten.

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