Warum man gute Politik nicht an ihrem Wahrheitsgehalt erkennen kann

Hier geht es um ein Thema, das mich schon seit einiger Zeit umtreibt. Ein Thema, dem man derzeit überall dort begegnen kann, wo politisch diskutiert wird. Es geht, um damit rauszurücken: um den in der öffentlichen Debatte wie selbstverständlich hergestellten Zusammenhang zwischen Politik und Wahrheit. Ich möchte meinen Beitrag zu diesem Thema mit einer steilen These beginnen. Die gegenwärtige politische Kultur hat nämlich ein Problem (das ist noch nicht die steile These, die kommt jetzt erst). Jenes Problem politischer Kultur liegt jedoch nicht so sehr in unverbrüchlichem Blockdenken zwischen links und rechts begründet, nicht in der fehlenden Bereitschaft zur offenen politischen Debatte, ja, noch nicht einmal (hauptsächlich) in den unvermeidlichen Rufen nach allzu simplen Lösungen für komplexe gesellschaftliche Problemkonstellationen. Das schwerwiegendste Problem gegenwärtiger politischer Kultur  besteht vielmehr in der unhinterfragten Annahme, gute Politik zeichne sich dadurch aus, dass sie die Wahrheit auf ihrer Seite habe. Mehr lesen

Neuerscheinung: Doktorarbeit!

Neuerscheinung

Zum ersten Mal liegt hier eine explizite Analyse politischer Arbeit vor. Jenseits von Politikverständnissen, die sich vornehmlich an Machtprozessen bzw. Entscheidungshandeln orientieren, geht es um die parlamentarische Praxis der Einflussnahme auf gesellschaftliche Wert- und Bedeutungsordnungen: Basierend auf einer Beobachtungsstudie auf vier Parlamentsebenen rekonstruiert die Autorin den dortigen Arbeitsalltag, der bestimmt ist vom Kampf mit der beständig in Parlamenten auftreffenden Themenflut und dem schnellen Wechsel zwischen komplementären Arbeitsformen, mit denen jener Flut beizukommen versucht wird: dem Politischen Spiel, der Themenabfertigung und der Politischen Gestaltung.

Ziel der politischen Arbeit aber ist die Erzeugung symbolischer Evidenz. Jener Qualität also, die Ideen derart mit Bedeutung auflädt, dass sie Massen mobilisieren und Gruppen hinter sich scharen – unsere Sicht auf die Welt also ein Stück weit verändern. Ein Tipp für Wissenschaft und Praxis gleichermaßen!

Das Werk ist Teil der Reihe Studien zur Politischen Soziologie. Studies on Political Sociology, Band 35. Hier erhältlich! Und hier das Inhaltsverzeichnis, wer sich einen Eindruck verschaffen möchte.

Die soziale Konstruktion gesellschaftlicher Eliten – ein erster Analyseversuch

Derzeit arbeite ich gerade an der Vorbereitung eines Projekts zur Frage, welche Vorstellungen sich die Gesellschaft von ihren „Eliten“ macht (und was das möglicherweise über jene Gesellschaft aussagt). Diese Vorstellungen unter die Lupe zu nehmen scheint mir dabei momentan wichtiger zu sein denn je: unter Bedingungen komplexer europäischer (und weltweiter) Krisenerscheinungen steigert sich die schon seit geraumer Zeit erkennbare Tendenz zur diskursiven Devaluation gesellschaftlicher Leitfiguren ins Extreme. Wie geschieht dies und warum ist das so? Um einen ersten Zugang zu solchen Fragen zu finden, habe ich in diesem Semester Studierende in zwei Seminaren – eines aus der Perspektive der Wissenssoziologie, eines aus der Perspektive der Elitenforschung – dazu angeleitet, sich mit Kommentaren auf den Facebook-Seiten wichtiger deutscher PolitikerInnen auseinanderzusetzen. Welcher Blick auf politische Eliten manifestiert sich hier? Exemplarisch haben wir uns dazu punktuell vier Seiten angesehen: diejenigen von Bundeskanzlerin Angela Merkel, von Bundesjustizminister Heiko Maas, vom Fraktionschef der grünen Bundestagsfraktion Anton Hofreiter sowie von der nordrheinwestfälischen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Die folgenden Überlegungen sollen dazu dienen, Ordnung in meine ersten Eindrücke von den in 12 Gruppen-Präsentationen vorgestellten gemeinsamen Analysen zu bringen. (Eine kleine Anmerkung sei mir noch erlaubt, bevor es losgeht: Für Grammatik- und Rechtschreibanomalien in den Materialausschnitten wird keinerlei Verantwortung übernommen…) Mehr lesen

Der Stand der Parlamentsforschung in Soziale Welt 67

Es ist passiert: Mein erster Artikel ist erschienen… nicht nur seit Monaten angenommen, sondern tatsächlich erschienen! Ein Artikel zum Forschungsstand der Parlamentarismusforschung: “Parlamentarische Praxis – Der Stand der Forschung zur zentralen Institution der Demokratie.” Soziale Welt 67/1.  Fast fühle ich mich wie der Kommentator beim Spiel der Fußball-Männer-EM Island gegen Österreich:

Aber auch nur fast.

Hier der Abstract zum Artikel: Mehr lesen

Über die Tagung „Soziologie der Parlamente?“ oder: der Kampf ums Fragezeichen

Bei der Organisation der Tagung standen wir (also das Orga-Team) vor einer schwierigen Entscheidung: Wie sollten wir unsere Tagung nennen? „Parlamente“ würde im Titel vorkommen müssen, aber „irgendwas mit Parlamenten“ ging nicht. „Wie Parlamente arbeiten“ kDSCN0558lang zu technisch, „Neues aus den Parlamenten“ traf zwar unsere Intention, neue Ansätze der Forschung zu Parlamenten auf den Schirm zu bekommen, war dann aber letztendlich doch wieder zu unspezifisch, hatte vielleicht einen zu unwissenschaftlichen Anklang – man konnte an eine Märchenstunde mit Wolfgang Thierse denken, oder an eine Bunte-Reportage zum (wahrscheinlich sinisteren) Privatleben der ParlamentsbewohnerInnen. Letztlich sind wir dann bei „Soziologie der Parlamente“ gelandet, denn genau darum sollte es ja gehen: um soziologische Perspektiven auf diese zentrale Institution der Demokratie, von deren Forschungsgegenstand-Qualitäten der Großteil der Soziologie bisher erstaunlich wenig Notiz genommen hat. Gerade das bisherige Fehlen einer ausgeprägten Auseinandersetzung von soziologischer Seite schien es uns dann erforderlich zu machen, den Titel in seiner letzten Fassung noch mit einem Fragezeichen zu versehen: Würden sich bei der Tagung tatsächlich Ansätze für eine Soziologie der Parlamente finden lassen? Gibt es und brauchen wir eine „Soziologie der Parlamente?“

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Die Tagung ist rum, das Denken kann beginnen

Brauchen wir eine “Soziologie der Parlamente”? Gibt es sie schon längst, und die Soziologie müsste nur auch endlich ihren Hintern hochkriegen und sich mit Parlamenten als Forschungsgegenstand beschäftigen? Oder lassen sich gegenwärtig doch ganz neue Zugänge zu dieser zentralen politischen Institution erkennen? Um diese Fragen hat sich unsere Tagung (10. – 11. Juni in Bonn) gedreht, Antworten werden wir nun finden müssen. Auf jeden Fall gilt: Sollte die gute und konstruktive Stimmung bei der Tagung ein Indikator für die Qualität der zu erwartenden Antworten sein, dann hätten wir nur Gutes zu erwarten – die war nämlich top. Das sieht man dem Orga-Team sogar noch am bitteren Ende an:

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Vielen Dank auf diesem Weg nochmal an die werten Kollegen Damien, Leo und Jan! Schön war das mit euch!

Beziehungen, Relationen und Konsorten – wie weit reicht Netzwerktheorie?

Decke

Neulich, bei einer Tagung zu Netzwerken – “Netzwerke in gesellschaftlichen Feldern” in Berlin, organisiert von Karoline Krenn und Jan Fuhse (ich habe dort einen Vortrag gehalten (Politik und Beziehungen passt halt doch zam)) – war ich hinterher wieder etwas ratlos.  Leider war ich nicht lang genug da, um noch an der Abschlussdiskussion teilzunehmen, sonst hätte ich mir vielleicht etwas mehr Klarheit einholen können. Es gab einige interessante Vorträge und alles, dennoch aber diese Ratlosigkeit (zumindest bei mir), hauptsächlich theoretischer Art. Die resultiert vor allem aus den engagierten Versuchen theoretischer Integration, in diesem Fall der Integration von Netzwerktheorie und Gesellschaftstheorie, etwa in Form von Feld- oder Systemansätzen. Viel von dem, was da vorgestellt wurde, war plausibel – klar, kann man alles machen, geht gut, passt. Aber warum sollte man? Was bringt es, wenn ich nun Netzwerke begrifflich konsistent im gesellschaftstheoretischen Rahmen einholen kann – wenn ich doch damit nicht mehr sehe als vorher? Oder das wäre zumindest meine Frage für die Abschlussdiskussion gewesen: Was sehe ich denn jetzt mehr als vorher? Würde die Antwort darauf in etwa lauten: Eigentlich nichts, aber dafür haben wir ein begrifflich konsistentes, umfassendes Instrumentarium! Dann würde ich das ganze Unterfangen fast für eine Form des Glasperlenspielens halten. Aber der entsprechende Eindruck hat sich bei mir in letzter Zeit auch an anderer Stelle schon eingestellt, gerade in Theoriediskussionen. Immer wieder frage ich mich dann, ob das vielleicht daran liegt, dass ich doch zu wenig Theoretikerin bin. Aber dazu fällt mir dann eigentlich Theorie wieder zu leicht, dazu haben gute theoretische Ansätze eine zu starke Wirkung auf mich. Ich vertraue also einfach mal meinem Zweifel und frage mich, wie weit diese theoretischen Versuche, Vorhandenes in Einklang zu bringen, tatsächlich führen können. Mehr lesen

Programm und Flyer zur “Soziologie der Parlamente” stehen

Jetzt gibt es nichts mehr zu rütteln: Das Programm zur Tagung steht, der Flyer ist fertig.

Flyerfront

Wir freuen uns sehr auf viele spannende Vorträge, die ganz so aussehen, als würden sie tatsächlich etwas andere Perspektiven und Erkenntnisziele in die Forschung zu Parlamenten einbringen – es geht um die Plenardebatte als Kampf, um die reflexiven Kapazitäten von Abgeordnetenbüros, um die Bedeutung von Politikserien in der politischen Bildung, und und und. Bahnt sich wirklich eine neue Soziologie der Parlamente an? Wir lassen uns überraschen! (Und: Mein Bild hat es auf die Titelseite geschafft – praktisch zwengs Copyright und befriedigend zwengs Freude…)

Now joining… Uni Würzburg!

Mein neuer Arbeitsplatz an der Uni Würzbug, im schönen Haus der Fakultät für Humanwissenschaften direkt nach meinem Arbeitsantritt am 7.4. :

Büro

Bisschen kahl noch, aber mit Potential… Mittlerweile steht da auch schon ein Rechner, der beinahe funktioniert, und ein Drucker, der zumindest mit USB-Stick betrieben werden kann – wird schon. Manche Uhren ticken hier ein bisschen anders (einheitliche Termine zur Hausarbeitsabgabe, die Möglichkeit zum unbenoteten Einbringen von Seminaren – ach sowas ist möglich?), da kommt man dann wohl im Laufe der Zeit dahinter. Nach den ersten zwei Wochen steht noch nicht viel fest, außer: 5 Kurse zu halten ist anstrengend, führt aber nach der zunehmend beklemmend gewordenen Enge der Dissertation in die wohltuende Weite der noch nicht fixierten Erkenntnisinteressen. Genau da will ich eigentlich hin.

Vorläufiges Tagungsprogramm und Tagungsblog zur “Soziologie der Parlamente?”: check!

Wenn man zu viert eine Tagung organisiert, kann das mit der Abstimmung ja5 etwas dauern… Etliche E-Mails und mehrere Telefonkonferenzen später steht aber ein Programm, mit dem wir jetzt sehr zufrieden sind: Vielfältige, die Klassik der Parlamentarismusforschung erweiternde Ansätze, unterschiedliche Perspektiven und Herangehensweisen – von der Systemtheorie zur Akteurszentrierung, von der Parlamentsberichterstattung in Politikserien über den Kampf der Plenarsitzung zur Frage nach der Emergenz des amerikanischen Kongresses. Wir sind gespannt und hoffen, dass wir Antworten auf die Fragen näher kommen: braucht es eine Soziologie der Parlamente, inwiefern gibt es sie schon, inwiefern vielleicht noch nicht, und was kann sie uns bringen? Zum Tagungsblog geht’s übrigens hier (wer schonmal in die Abstracts reinlesen möchte…).